Zuviel Sexismus im Rollenspiel?

In englischsprachigen Blogs läuft gerade eine ganz große Debatte an, und zwar über Sexismus im Rollenspiel. Ausgelöst von diesen Artikeln:

Spirit of the Century von Merrua

If Jesus had tits would you believe in god
von Matt

Response to If Jesus had tits… von Merrua

Ich kann nur betonen, dass ich generell für die Emanzipation sehr dankbar bin, denn sonst wäre es mir als Frau wohl heute nicht möglich, das Leben zu leben, dass ich lebe. Ich kann wählen, Hosen tragen, habe die gleichen Rechte wie jeder andere, kann unverheiratet mit meinem Freund zusammen wohnen. Ich fühle mich (bisher) frei und nicht unterdrückt und bin meines Wissens noch nie benachteiligt worden, weil ich weiblich bin. Das ist verdammt gut.

Was hat das ganze jetzt mit Rollenspiel zu tun? Nun, Merruas Kritikpunkt (und der einiger anderer Frauen) ist, dass Frauen sprachlich und in Beschreibungen in Spielpublikationen nicht genügend einbezogen werden. Und dass Frauen was Beispielcharaktere und Archetypen angeht, ignoriert oder aber in Klischees gedrängt werden. Matt’s Kritik ist wiederum (ich versuche seinen sarkastischen Artikel sinnvoll zusammen zu fassen), dass Frauen (er spricht allein Merrua an) sich benachteiligt fühlen wollen, selbst wenn es nicht so gemeint ist. Dass es an der Botschaft nichts ändern sollte, egal welchen Geschlechts ein Protagonist ist. Und dass es sowieso extrem wenig Frauen im Rollenspiel gibt, weshalb dann unnütz Mühe darauf verschwenden, durch nervige Political Corrctness mehr Frauen anziehen zu wollen?

Auch ich denke, dass Feministen/Innen ;-) sich oft selbst Probleme schaffen, wo keine sind bzw. Probleme aufblähen. Ich gehöre zu den Menschen, denen gerechte Sprache und die ständigen weiblichen Endungen auf den Geist gehen. Ich fühle mich beim generischen Maskulinum einfach angesprochen und ich glaube, viele Frauen stellen sich selbst ein Bein, indem sie sich selbst ausschließen wo sie nicht ausgeschlossen sind. Es ist so eine “ihr müsst dafür sorgen, dass ich mich gleichgestellt fühle”-Mentalität, die die Frauen in neue Abhängigkeiten treibt und Aufmerksamkeit von den Streitpunkten wegzieht, wo mehr Feminismus und Gleichberechtigung wirklich angebracht wäre. Gleichberechtigung ist nicht, sich neue Wörter nur für Frauen auszudenken, sondern Frauen generell einzuschließen.

Aber zurück zum Rollenspiel. Ich selbst habe nie die Erfahrung machen müssen, dass die Jungs mich beim Spielen nicht dabei haben wollten. Jeder Rollenspieler, den ich bisher traf, war froh über eine Frau mehr beim Hobby. Je älter, desto besser können männliche und weibliche Spieler auch miteinander auskommen, insbesondere, wenn die Mädchen nicht stundenlang beschreiben, was ihr Charakter heute anzieht. Gott, das kann nerven! In meinen Gruppen herrscht ein ziemlich gleicher Männer- wie Frauenanteil, und ich habe sowohl als Spielleiter als auch als Spieler die Erfahrung gemacht, dass beide Geschlechter die Fähigkeiten und Eigenarten des jeweils anderen Geschlechts zu schätzen wussten. Auch in den RPG-Publikationen habe ich mich nie als Frau ausgeschlossen gefühlt. Aber vielleicht bin ich da unsensibel oder es liegt an den Spielen, die ich spiele: Cthulhu, zu einem großen Teil von einer deutschen Redaktion ersonnen, ist sehr korrekt, Shadowrun ebenfalls und Vampire sowieso. Dazu muss ich sagen: ich finde Spiele, die Themen beschreiben, die auch (nicht ausschließlich) Frauen gefallen, nicht schlecht. Egal, wie klein die Zielgruppe ist – warum nicht versuchen, sie zu vergrößern? Und übrigens wird auch Vampire, dass den bescheuerten Ruf hat, kleine Gothicmädchen anzuziehen, die keine echten Rollenspieler seien, größtenteils von Männern geschrieben und gespielt. Das kleine Gothicmädchen, das hier schreibt, hat jedenfalls den Einstieg ins Hobby nicht über Vampire gefunden. Männer, die Vampire verachten, weil es Frauen und/oder Gothics ins Hobby bringt, bleiben mir unverständlich. Dass Frauen andere Interessen im Rollenspiel haben können als Männer, finde ich durchaus legitim, warum also nicht beide Zielgruppen berücksichtigen? Man kann das mit etwas Mühe und Einfühlungsvermögen hervorragend unter einen Hut bringen. Ich rege mich aber nicht auf, wenn das in den Publikationen nicht so ist. Ich kann mein eigenes Ding machen, und, wie gesagt, ich fühle mich immer angesprochen, auch wenn es um Männer geht. Und wenn ein Rollenspiel mit Geschlechterklischees spielt, macht mir das Spaß, denn absichtlich mit Klischees zu spielen und sie vielleicht über den Haufen zu werfen, regt immer zum Lachen und zum Nachdenken an.

Vielleicht sehen meine Leser oder meine Leserinnen das anders? Welche Erfahrungen habe die Rollenspieler unter euch gemacht?

UPDATE: Ich habe vorher eigentlich noch nie auch nur darüber nachgedacht, dass Frauen im Rollenspiel irgendwie benachteiligt werden könnten. Ich bin nie vorher auf den Gedanken gekommen, deshalb neige ich dazu, anzunehmen, dass es auch einfach nicht so ist. Im Gegenteil, mir ist bei vielen Publikationen angenehm aufgefallen, wie sehr Frauen berücksichtigt werden, bei den Beispielcharakteren, bei den Pronomen, bei allem. Wie einzelne Menschen damit umgehen, kann natürlich eine andere Sache sein, Sexisten gibt es überall (in beide Richtungen, also Männer und Frauen). Find ich scheiße, aber hey. Muss ich mich mit denen abgeben, muss ich mit denen spielen? Nein. Durch Rollenspielbücher werden die mit Sicherheit nicht gestützt.


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