Cthulhu oder: Sterben vor Angst am Loch Feinn
The Honorable Abigail Black ist eigentlich eine ganz normale junge Frau. Sie ist Mitte Zwanzig und lebt in London, ihr Butler Gordon sorgt für den Haushalt und fährt sie im Rolls Royce durch die Gegend, wenn sie nicht gerade an einem ihrer Romane schreibt oder sich über ihren nichtsnutzigen Bruder ärgert, der das Geld ihres Vaters auf wilden Parties verprasst. Es ist das Jahr 1922.
Und dann findet sich Abigail in diesem furchtbaren Nest im schottischen Hochland an Loch Feinn, zusammen mit ihrem freundlichen Begleiter Jeremiah McClane, und alles nur, weil diese Partymaus Helen Ross dort nachforschen will, wie genau ihr Vater ums Leben kam. Sie hätte doch wissen müssen, dass sie sich besser nicht mit einem Mitglied dieses seltsamen schottischen Clans einlässt, der McAllans, die überall als verschrobene Lumpenbande und Kleinkriminelle verschrien sind. Sie verschwand natürlich spurlos. Und Abigail macht mit Jeremiah die Gegend unsicher, versucht herauszufinden, warum Professor John Ross sterben musste. Hat er bei seiner Erforschung der “Erdstrahlen” zufällig irgendwelche kriminellen Machenschaften der McAllens entdeckt und wurde aus dem Weg geräumt? Und der Schäfer in der einsamen Hütte am Loch, der den ganzen Abend gruselige Geschichten von uralten Wesen im See erzählte… eigentlich überlegte Abigail seit Tagen, ob sie nicht einfach abreisen und das ganze Dorf, Hellen Ross, ihren Vater, die Seeschlangen, die McAllans, den See und die Megalithen drumrum einfach vergessen solle. Dann machte sie mit Jeremiah aber doch diesen unseligen Ausflug zur Burgruine. Und der Keller… der Keller…
Hinter einer Tür – mumifizierte Leichen… für Abigail, selbst halbe Ägypterin und bei ihrem Vater, Lord Black, in Kairo aufgewachsen, keine große Sache. Aber in Schottland in einem feuchten Keller?! Und dann sah eine der Mumien sie an… nicht direkt, aber die Augen! Feuchte, lebendig glänzende Augen im Gesicht einer Mumie, seit mindestens dreihundert Jahren tot! Zitternd stolperte sie weiter durch Gänge und Türen, realisierte kaum, was sie sah. Doch dann, in einem Raum, ein großes metallisches Ding, wie ein Spiegel, aus einem unbekannten Material und ein Gefühl von Fasziniation… und der Rand des “Spiegels”, wie Wasserranken, aus rötlichem Eisen getrieben… doch plötzlich begann Jeremiah in fremden Zungen zu brabbeln. Und dann… dann wellte sich seine Haut, wurde schwarz stellenweise… und plötzlich entflammte sein Haar! Abigail zerrte ihn aus dem Raum, warf die Tür zu, löschte ihn und dann… dann wurde alles irgendwie dunkel und wattig und und sie bekam kaum noch Luft vor Angst und sie konnte sich nicht mehr bewegen. Was mochte noch in diesem Gemäuer lauern, wo Naturgesetze keine Macht zu haben schienen? Unter Schmerzen und gutem Zureden bugsierte Jeremiah die panische Abigail aus dem Keller hinaus. Und im Dorf erfuhren sie, dass Helen Ross am 1. August vermutlich von dem McAllans bei ihrer großen Feier auf der Burgruine umgebracht werden soll – vom Clan hingerichtet, da sie von diesem Fest erfuhr… Da wurde erstmal nichts aus der eiligen Abreise nach London.
Und ich, ich sitze in meinem Sesselchen und sterbe genau wie Abigail vor Angst. Cthulhu ist eines der wenigen Spiele, die ich nicht selbst leite, sondern direkt als Spieler erlebe. Und ich sage euch, das ist ein Horror, für den mein Nervenkostüm nicht gemacht ist. Meine Abigail ist keine Heldin. Abigail hat keinen Grund, die Welt zu retten. Nach den Erlebnissen in Schottland denkt Abigail ernsthaft darüber nach, nie wieder ihre gemütliche kleine Villa in London zu verlassen. Wasserwesen, Steinkreise und verrückte schottische Familien, die selbst völlig vergessen haben, mit was für Wesen sie sich vor Generationen eingelassen haben. Tee, Kekse, Chips, Schokolade können mich in solchen Momenten wirklich nicht beruhigen, nein, wir sitzen im Kerzenschein und sphärische, unheimliche Klänge sickern aus den Boxen und ich beiße in meinen Charakterbogen vor Angst. Sollte man nicht denken, bei einer versierten Vampire-Spielleiterin, ist aber so.
Wer sich also drauf einlassen kann, genau wie ich zuviel Phantasie besitzt und auf wirklich fiesen, leisen, kriechenden Horror steht, Horror, der einen mit Ranken und Tentakeln plötzlich im Dunkeln von hinten packt… Horror, der einem ins Hirn kriecht und mit dissonanten Gesängen von einer unbekannten Rasse kündet, von Wesen, die auf dem Grund des Ozeans schlafen und von Kreaturen, die sich in Kellern und Wäldern und Büchern verstecken und alles Lebendige hassen… tja, der ist richtig bei Cthulhu. Ich hab ja schon als Kind Geisterbahnen nicht mal von weitem anschauen können, ohne Angst zu bekommen. Ich kann mich in diese Horrorsachen furchtbar gut reinfühen und auch reinsteigern – ich hab zwar schon als Kind abgefahrenste Gruselgeschichten gelesen (Edgar Allen Poe mit 11 Jahren oder so), hatte aber nie Gelegenheit, durchs Fernsehen abzustumpfen. Ich war am Freitag also wirklich kurz davor, mitten in der Sitzung darum zu bitten, die ganze Sache abzubrechen, weil ich selbst kurz vor einer Panikattacke stand. Es gab nicht wirklich einen Kampf, es gab nicht wirklich krasse Tentakelmonster, die laut anderen Leuten in jedes Abenteuer gehören. Ich weiß nicht, ob zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich Gefahr für meinen Charakter bestand, außer der Gefahr, wahnsinnig zu werden vor Angst. Was mir selbst vermutlich auch passiert, spätestenst beim der nächsten Sitzung. Aber mal im Ernst: So muss eine gute Cthulhu-Runde sein.
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- Sonntag, 9. September 2007 / 4:37
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