Teil 1: Faulheit. Teil 2: Rollenspiel-Fundamentalismus.
Teil 1
Phrixus hat lange überlegt, ob sie an ihrer Hausarbeit schreibt oder in ihr Blog. Sie tut einfach keins von beidem. Stattdessen sitzt sie faul rum und versucht, an nichts zu denken. Aber eigentlich sitzt sie rum, weil sie sich total überfressen hat – leider noch nicht einmal an irgendetwas besonders gutem, sondern einfach so, an Reisgerichten und Fertigsuppe. Geht ja auch mal. Jetzt guckt sie sich ihre Orange an (an Orangen überfrisst sie sich nämlich in dieser Minute – wahrscheinlich bekommt die dumme Nuss wieder Ausschlag davon) und ist völlig fasziniert von der Tatsache, das sich innerhalb der Orange der Saft abgepackt in winzigen Beutelchen befindet, die man auch noch essen kann. Sehr umweltfreundlich, sowas. Und es ist doch schön, wenn Menschen einfache Freuden haben. Was zu der Frage führen könnte, ob Phrixus ein menschliches Wesen ist. Genauer hat das noch niemand überprüft. Phrixus “Mutter” ist ja auch nur so ein Gerücht, ich meine, hat die schonmal jemand zu Gesicht bekommen? Na also. Dem sollte man mal nachgehen. Phrixus denkt schon den ganzen Abend darüber nach, ob sie arbeiten soll, oder… also, erstmal dazu, natürlich sollte sie arbeiten! Da sie sich aber selbst einigermaßen realistisch einschätzen kann, weiß sie, dass sie es wahrscheinlich doch nicht tun wird. Oder eben nachher. So ein Schwachsinn. Also denkt sie darüber nach, ob sie sich weiter der Illusion hingeben soll, sie würde jede Minute anfangen, zu arbeiten – oder ob sie einfach zugibt, dass daraus nichts wird und stattdessen endlich mal wieder ein gutes Buch zur Hand nimmt. Das Blöde ist ja, dass sie jeden Tag dasitzt und sich denkt, dass sie arbeiten müsste, mit sich selbst ringt, sich andere Erfreuungen wie zum Beispiel lesen verbietet und das im Endeffekt dazu führt, dass sie nichts tut – weder arbeiten noch lesen noch denken noch irgendwas sonst. Und am Ende des Tages dann wieder Knoten im Bauch hat, weil sie ihr Studium und das Leben generell eigentlich auch gleich hinschmeißen könnte. Ein solches Verhalten ist natürlich völlig blödsinnig, aber das fällt ja auch immer erst auf, wenn’s zu spät ist. Und dann diese Erkältung, die sie schon seit Wochen verschleppt, statt einfach mal zum Arzt zu gehen.
Teil 2
Mal was ganz anderes: Phrixus hat sich ganz bewusst dagegen entschieden, hier etwas zu einem bestimmten Thema zu posten, das mit dem schönsten Hobby der Welt zusammenhängt. Rollenspiel-Fundamentalismus. Rollenspieltheorie schön und gut – soziologisch mit Sicherheit sehr interessant und keineswegs sinnlos. Denn wo sich Einteilungen (z.B. in verschiedene Spielstile; siehe auch GNS-Theorie und Big Model) vornehmen lassen, und diese Einteilungen in verschiedenen Umgebungen unabhängig voneinander reproduzierbar sind, sind sie sicher nicht ganz und gar aus der Luft gegriffen. Obwohl man betonen muss, dass von der Szene allgemein anerkannte Definitionen verschiedener Spielstile immer noch fehlen (sind wir ja aus der Sprachwissenschaft gewohnt). Leider sind die virtuelle und auch andere Realitäten voll von Hohlbratzen, die diese Einteilungen benutzen (und ihre eigenen, oft der Situation angepassten Definitionen, oder eben keine Definition bieten können), um andere abzuwerten und sich selbst aufzuwerten. Mein Spielstil ist besser als deiner – das wäre die harmloseste Form. Mein Spielstil ist der einzig richtige und alle anderen sind gar keine echten Spielstile und alle die anders spielen als ich, sind dumm, zurückgeblieben und kriegen keinen hoch und diese Leute muss man entweder bekehren oder ausrotten – das ist die faschistische Variante und zu Phrixus’ Leidwesen am häufigsten anzutreffen. Fundamentalisten in einem verdammten Hobby! Das muss man sich erstmal vorstellen! Demnächst fangen die ARSler noch an, sich vorm Feder&Schwert-Verlagsgebäude in die Luft zu sprengen. Oder schicken mit Milzbrand-Erregern kontaminierte Briefe an DSA-Autoren oder Vampire-Spieler. Oder auch andersrum, allerdings kommen mir Verteidiger des Stimmungspiels (manchmal genannt “Schummelerzählspiel”) oft nicht so militant bösartig wie die Anhänger anderer Spielstile vor, aber wer weiß. Es ist doch schön, dass man die menschliche Eigenschaft, Andersdenkende abzuwerten (mit dem Ziel der Unterdrückung oder Vernichtung – symbolisch oder real), nicht nur bei so Mainstream-Themen wie Religion oder Irak-Krieg findet. Nein, auch wir Rollenspieler weisen diese Denkweise auf! Und macht uns nicht gerade das zu normalen Menschen? Und wie im normalen Leben sind auch hier Stimmen, die für Vernunft, Toleranz und Akzeptanz plädieren, selten und werden gern überhört. Dass verschiedene Spielstile gleichberechtigt nebeneinander existieren können, ist manchen Anhängern bestimmter Spielstile oder Theorien so zuwider wie einem Islamisten die Existenz Israels. Das Internet und insbesondere das sogenannte Web2.0 leistet diesem (bisher) nur verbalen Krieg zwischen verschiedenen Lagern natürlich nicht unerheblichen Vorschub – oder hätte es in den 80ern einen D&D-Spieler interessiert, was die Spielgruppe fünf Städte nördlich so macht? Foren und Blogs sind die Hölle, wenn man da nur noch verbalen Dünnschiss lesen kann, egal, ob es nun um das Rauchverbot, die zionistische Weltverschwörung, den Bahnstreik, Muslime, Kreationismus oder eben Abenteuerrollenspiel versus Stimmungsrollenspiel geht. Dabei behauptet Phrixus nicht, dass Meinungen und Ansichten nicht gleichberechtigt nebeneinander stehen könnten. Dazu gehört aber dummerweise (und das haben viele eben nicht verstanden) auch, dass andere eine andere Meinung haben dürfen. Verbaler Dünnschiss ist es dann, wenn eine Person oder eine Gruppe von Personen meint, die einzig wahre Auslegung zu vertreten. Verbaler Dünnschiss ist es auch, wenn eine Person doer Gruppe von Personen sich nicht vorwerfen lassen will, eine Horde von sturen Nassbirnen intolerant zu sein und deshalb andere Meinungen ganz tolerant stehen lässt, aber nur, weil die armen Idioten offenbar zu blöd sind, “die Wahrheit” zu sehen. Man ist auch dann ein fundamentlistisches Arschloch, wenn man die Meinungen anderer offen oder versteckt abwertet, weil man keine besseren Argumente hat. Leider findet man im Netz in hohem Maße eben diese Fundamentalisten, denn Fundamentalisten haben den Drang allen anderen kundzutun, dass sie das Licht der Wahrheit besitzen. Dazu sollte gesagt sein, dass man andere nur dann abwertet, wenn man selbst es nötig hat, sich aufzuwerten. Andere lächerlich machen oder beleidigen, weil sie eine andere Meinung haben, ist charakterschwach und ein Zeichen großer persönlicher Unsicherheiten (im Unterschied zum satirischen Lächerlichmachen). Nun, vielleicht wird sich Phrixus in naher Zukunft doch zum Thema äußern. Heute aber nicht. Sowas wird schließlich viel zu schnell zu einem Ranting, da muss man echt aufpassen.
Je größer der Deppenfaktor, desto gigantischer das Bescheidwissergefühl.
- Dieter Nuhr, “Wer’s glaubt, wird selig”
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- Published:
- Samstag, 17. November 2007 / 3:33

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