Rollenspiel-Fundamentalismus Part 2

Erweiterung für Skyrock zum ersten Ranting (dann haben alle was davon):

Ich finde es einfach unangebracht, über einzelne Spielstile zu richten. Wenn man schon Einteilungen vornimmt, sollten sie wertfrei sein. Die Art, wie im Internet in bestimmte “Spielstile” eingeteilt und darüber geredet wird – auch deine - ist abwertend und macht sofort jegliche neutrale Einteilung hinfällig. Das was generell als “Schummelerzählspiel” bezeichnet wird, würde ich nie als eigene Kategorie aufstellen, sondern einfach als mangelnden Respekt vor Spielern bezeichnen. Das gibt es bei jedem der Spielstile. Es als eigene Kategorie aufzustellen, sorgt dafür, dass man in Schubladendenken verfällt und vorschnell über Leute urteilt – und alles, was einem nicht gefällt, in die Kategorie “Schummelerzählen” steckt und es abwertet. Und das nenne ich (begründet) Fundamentalismus (so nenne ich es auch, wenn es sich auf andere Stile als das Erzählspiel bezieht).

Genauso gut könnte man unterschiedliche Kategorien für “Gutes ARS” und “SchummelARS” aufstellen — aber das hilft bei keiner ernst gemeinten Definitionsfindung weiter. Die Szene (zumindest der Teil, den man im Internet erlebt) scheint keinen Unterschied zu machen zwischen Definition und persönlicher Bewertung. Denn die Unterscheidung zwischen “xERZ” und “SchERZ” ist eine wertende, in “gutes” und “schlechtes” Spiel. Kann jemand endgültig und für alle Menschen verbindlich festlegen, was gute Musik oder schlechte? Gute Romane und schlechte Romane? Oder eine Stufe schwieriger: Gute Kunst und schlechte Kunst, gutes Essen und schlechtes Essen? Wer seinen eigenen Maßstab für alle verbindlich machen will und erzählt, alles andere sei Schrott, mit dem kann man nicht diskutieren. Um mal das Nazometer zum hupen zu bringen: Stichwort “Entartete Kunst” – wann fällt endlich bei irgendjemandem der Begriff “Entartetes Rollenspiel”? (Es ist spät und ich werde polemisch. Zurück zum Thema:)

Denn wann wäre etwas “Gutes ARS” und ab wann “SchummelARS”? Das ist eine völlig sinnlose Einteilung, denn wer im Endeffekt entscheidet, ob er “Gutes ARS” oder “SchummelARS” spielt will, sind die Spieler und der Spielleiter – und dann gibt es Leute, die von außen darüber urteilen. ARS bleibt es in beiden Fällen. Und ob und wann für eine Gruppe Railroading oder die Goldene Regel angebracht erscheint oder ob das für eine Gruppe nicht akzeptabel ist, ist jeder Gruppe selbst überlassen – und man kann keine verbindliche Wahrheit für alle draus schustern, egal, wie sehr man das will. Schließlich sind wir alle erwachsene Menschen und können eine Runde verlassen, wenn es uns nicht gefällt – und schließlich sollte man mit Leuten spielen, mit denen man gut kann und bei denen einem der Stil passt, statt den Stil aller anderen ändern zu wollen.

Ich möchte erinnern: Man kann jedes Rollenspiel so oder so spielen. Wichtig ist, dass alle Beteiligten Spaß haben – und der Spielleiter aktiv in Blick behält, dass kein Spieler sich in irgendeiner Form übergangen fühlt. Wenn kein Respekt vor den Spielern herrscht, ist JEDE Form von Spiel ein elendes Schummelspiel.
Aber dass die Bezeichnung “Schummelspiel” nur auf Erzählspiele gemünzt, “Schummelerzählspiel” als Synonym für Erzählspiel gebraucht und Erzählspiel/Stimmungsspiel selbst als abwertender Begriff benutzt wird, erscheint mir unangebracht und völlig daneben.

Die ARS-Aussage ist mir herzlich egal. Und: Einige meiner besten Freunde sind ARS-Spieler.
Im Ernst: Es geht mir ausschließlich darum, dass ich den abwertenden Ton auf verschiedenen Seiten, der jeder konstruktiven Diskussion im Weg steht, zum Kotzen finde – so wie die Behauptung, die deutsche Rollenspielszene würde in irgendeiner Form verkümmern oder am Erzählspiel sterben.

“Durch den Absolutheitsanspruch und die emotionale Spannung der sich bedroht fühlenden Fundamentalisten wurde Fanatismus geweckt, der sich ebenfalls bewusst und ausdrücklich durch Intoleranz auszeichnet und durch Ablehnung einer Wirklichkeit, die als Korruption der Glaubenswerte verstanden wird. Toleranz ist, nach Ansicht der Fundamentalisten, nichts anderes als das Akzeptieren von Entwicklungen, die ihren Glauben und Leben gefährdeten, indem sie sie vom tragenden Fundament entfernten.” (wiki)

Es steht jedem frei, wie er spielt und welche Publikationen er kauft oder eben nicht kauft.

Btw: Mich erinnert die ganze Situation an Alt-Gothics, die Polemik darüber verfassen, dass nur noch sie wissen, was wirklich goth ist und die Szene verfällt und die ganzen “Kinder” und “Neo-Goths” und “Pseudos” und “Wannabies” überhaupt nicht wissen, was wirklich goth ist… etc. etc.

Es ist eine völlig normale Erscheinung, dass man irgendwann das Gefühl hat, um einen selbst würde alles verfallen und keiner wüsste mehr, was sich gehört.


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