Die Wäsche, der Fuß und der ungerechtfertigte Anspruch an die Intelligenz der eigenen Gedanken

In Phrixus’ Hirn befand sich angenehmer Brei. Wie gern würde sie etwas Sinnvolles, Schönes, Poetisches oder gar Philosophisches schreiben, aber da war einfach nichts zu machen. Jeder Gedanke floh sofort vor Phrixus’ Anspruch, er solle doch bitte ein Mindestmaß an Intelligenz aufweisen. Der normale Alltag war seit Tagen trotzdem zu bewältigen, auch private Gedanken fanden sich weiter ein, aber das waren eben solche, die sie ihren papiernen Notizbüchern anvertraute oder ganz unaufgeschrieben ließ. Also doch kein Brei, dachte sie sich. Nur ein teilweiser Ausfall der Funktionsfähigkeit, was publikumsgerechte Schreibe angeht. Nach Stunden und Stunden des Nachdenkens ließ es Phrixus dann doch sein und sagte laut vor sich hin: “Kleine Kojotinnen brauchen Körperpflege!” Also lackierte sie sich erstmal die Nägel, wie das eine Kojotendame vor Langeweile eben so tut. Rosa. Denn das ist die Farbe, die auf Kojotisch signalisiert, dass man keine Lust auf Hausarbeit hat, insbesondere auf Wäschemachen. Kojotisch ist eine sehr farborientierte Sprache. Damit die farbigen Akzente da besonders auffallen, bevorzugen Kojotinnen eine eher dezente Grundfarbe, häufig schwarz. Nachdem die Nägel fertig waren, musste sich Phrixus wohl oder übel ihrem Fuß widmen. Dazu gehört eine etwas längere Ausführung: Am Tag zuvor hatte Phrixus beschlossen, einen Rock zu tragen. Wir erinnern uns an dieser Stelle, dass Phrixus keine Lust aufs Wäschemachen hat, können also darauf schließen, dass all ihre Hosen ungewaschen rumliegen oder immer noch ungebügelt auf der Leine hängen, oder eine Mischung aus beidem. Phrixus trug also ihren Rock und dazu gehören vorzugsweise Stiefel. Phrixus hat auch welche, und obwohl sie etwas dünn für die Jahreszeit und das Wetter sind, beschloss Phrixus, sie zu tragen. Zu jenen Stiefeln muss man sagen, dass sie relativ spitz zulaufen, die zarten Kojotinnenfüße generell also etwas beengen. Phrixus war in letzter Zeit eben eher die bequemen Doc Martens gewöhnt. Da nun also Phrixus keine Lust auf Wäschemachen hatte, folglich einen Rock trug, folglich Stiefel trug, folglich ihre Zehen aneinander gepresst wurden, folglich diese nun aneinander scheuerten, fand Phrixus am Abend zuvor an einem blutverkrusteten Zeh des linken Fußes eine kleine, dafür aber umso stärker blutende aufgescheuerte Stelle vor. Diese war am heutigen Tage immer schmerzhafter angeschwollen, so dass sich nun Phrixus daran machen musste, den Zeh zu verbinden. So führt eins zum andern, und wir lernen, dass es tragische Folgen haben kann, wenn man aus Faulheit die Wäsche nicht wäscht! Aber hat das auch unsere Kojotin verstanden? Natürlich nicht, denn Kojotinnen sind gemeinhin etwas unbedarft und suhlen sich gern in ihrer Faulheit. Das ist nun mal ein Merkmal dieser sehr possierlichen Art und trägt sicherlich auch einiges zu ihrem Charme bei. Nachdem der Schmerz abgeklungen war, machte es sich Phrixus mit einer Hühnersuppe chinesische Art vor dem Fernseher bequem und hing ihren kleinen Kojotengedanken nach. Gedankenfragmente und Satzfetzen gingen ihr durch den Kopf, einige huschend, andere eher träge taumelnd.

“Goth und Emo, ach, die Leute werden es einfach nie lernen… Kevin allein zu Haus ist zugleich so kitschig-süß und so brutal, ich liebe diesen Film, schade, was aus Macau… Mak… Culkin… Kulkin… also dem Jungen geworden ist… wie bekommt man eigentlich seine Vampire-Spieler dazu, eine positive emotionale Einstellung oder sogar Bindung zu einem wirklich grausamen, intriganten NSC aufzubauen, wenn ihre Grundeinstellung negativ-misstrauisch ist… das wäre echt mal gut zu wissen… schließlich ist der NSC eigentlich auf ihrer Seite und so… ach ja… jetzt noch ein Kaffee… und dann fröhlich Shadowrun vorbereitet, die Gruppe morgen will ja auch bespaßt werden, was muss denn da noch gemacht werden?… stimmt, die Musik muss konzipiert werden… das Szenario etwas verfeinert, die Struktur muss, ähm, genauer strukturiert werden… ich würde nie eine Vogelspinne anfassen, die haben doch solche Brennhaare… ich werde meinen Vater ewig dafür hassen, dass er diese Viper zu nah an mich drangehalten hat… naja, hassen natürlich nicht, aber die Viper war nicht so cool, war das eine Viper? Jedenfalls keine von den Würgeschlangen… ob ich wirklich eine Boa nehmen soll, wenn wir mal eine größere Wohnung haben?… wenn mal Kinder ins Haus sollen, ist das vielleicht nicht so praktisch… andererseits sind das ja schöne Tiere, und wenn man sich mal dran gewöhnt hat, geht mit Sicherheit auch die erste Angst weg… warum muss es eigentlich eine dritte Staffel vom Dschungelcamp geben? Können die diese doofen “Stars” nicht einfach mal da lassen, also im Dschungel?… Politik ist auch nicht so das Wahre, Roland Koch geht mir ja so auf die Eier… dann doch lieber wieder einen Kaiser und eine parlamentarische Monarchie, das wäre mir sympathischer… Zeichnen wollte ich ja auch mal wieder… ob ich mal die Fotos von meinen Collagen posten soll? Die Perspektive ist natürlich etwas seltsam, aber anders gings nicht, der Blitz hat sich ja die ganze Zeit auf der Folie gespiegelt… ich bin ja so stolz, dass ich mir dieses Wirbelsäulen-Gymnastikbuch und die Bauchmuskeltraining-DVD gekauft hab, jetzt muss ich nur noch Zeit finden… vielleicht, nachdem ich Wäsche gemacht hab… oder so vorm Zubettgehen… aber erstmal noch eine Kanne Tee… 33 Teesorten im Schrank, die Reste und Schwarztees nicht mitgerechnet, du bist doch völlig bekloppt… ja, Tee. Jetzt.”

So sehen Kojotinnen-Gedanken aus,  die so wirr vor sich hintaumeln wie die einer verschlafene Haselmaus bei einer gewissen Teegesellschaft. Und dann beschloss Phrixus, dass sie, wenn sie mit ihrer Suppe fertig sei, sich endlich mal an die Wäsche machen würde. Aber davor noch ein Kaffee. Und eine neue Karte von Seattle des Jahres 2057 wollte noch gezeichnet sein. Ach, das würde schon schnell gehen. Nur nochmal kurz die Füße hochlegen. Und einen Kaffee schlürfen. Und sich dabei ganz kurz intelligent vorkommen, das muss man sich schon mal gönnen. Und falls sie wirklich heute noch ein bisschen Sport einschieben sollte, würde sie sich selbst zujubeln, versprach sich Phrixus. Aber sie sah davon ab, ihr Ziel zu hoch zu stecken. Aufstehen und Kaffee kochen, allein das war ja auch schon Bewegung, oder? Und ihre Gedanken beruhigte sie mit der Zusicherung, demnächst keine Intelligenz mehr zu erwarten. Denn schließlich trug sie ja den rosa Nagellack, damit war die Kojotin erstmal zufrieden.


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