Knochenkunst – Mitten im Leben sind wir des Todes

Media vita in morte sumus.

Das fing ja ganz harmlos an. Eine Freundin studiert Kunstgeschichte und muss ein Referat über das Fresco ‘Die Dreifaltigkeit’ von Masaccio halten. Im unteren Teil des Frescos sieht man ein anatomisch korrektes Skelett und sie fragte sich, woher der maler das nötige anatomische Wissen hätte haben können. Aus Büchern? Aus eigener Anschauung? Hat er selbst eine Leiche seziert oder war er bei einer (eventuell heimlichen) Sektion anwesend? Hat die Kirche zum betreffenden zeitpunkt in der Geschichte solches Wissen toleriert, gefördert oder verdammt? Alles interessante Fragen, die ich als in Kunstgeschichte nicht allzu bewandertes Wesen nicht spontan beantworten kann. Ein Diskussionsteilnehmer von der Medizinerfront beharrte darauf, dass der Maler das Wissen nur aus Büchern gehabt haben kann, denn niemand habe zu der Zeit Leute seziert (oder so). Und das DaVinci ein paar Jahre später ebenfalls anatomisch korrekt Menschen, Leichen und Skelette zeichnete, ist ja was völlig anderes, weil der immerhin ein Genie war. Ähm. Wie schon erwähnt, kann ich das nicht endgültig beantworten, ich kann aber sagen, dass Leonordo DaVinci auch nur zu Fuß aufs Klo ging. Und Möglichkeiten, die DaVinci offenstanden (Leichen angucken), standen theoretisch damit auch anderen Künstlern offen, schließlich war Leonardo kein Hellseher und hatte auch keinen Röntgenblick. Unser guter Leo war sicher weit überdurchschnittlich intelligent, aber er hatte nicht mehr oder weniger Möglichkeiten als andere Menschen zu seiner Zeit.

Jedenfalls haben wir uns darüber Gedanken gemacht, wo jemand zu dieser Zeit ein anatomisch korrektes Skelett gesehen haben könnte. In Museen oder Universitäten wurde sowas ja eher nicht ausgestellt. Aber – was mir meine Freundin kaum glauben wollte – es gab natürlich jede Menge Beinhäuser. Schließlich mussten die Reste irgendwo hin, um die wieder Platz auf den Friedhöfen zu schaffen. Religiöse Gründe spielten auch eine große Rolle. Somit wurden jede Menge Knochen gesäubert und in unterirdischen Hallen gestapelt. Und ausgestellt. Und wieder zusammengebastelt. Anatomisch korrekt natürlich. Masaccio musste also nicht unbedingt selbst jemanden sezieren, um mal ein Skelett gesehen zu haben. In früheren Zeiten war der Tod sehr viel selbstverständlicher und gegenwärtiger als heute. Und dass man respektvoll, aber nicht gerade zimperlich mit dem Tod und den Toten umging, beweisen die vielen kleinen und großen Kunstwerke, die in solchen Beinhäusern aus den eingelagerten sterblichen Überresten gebastelt wurden.

Die schönsten und morbidesten Bilder, die ich gefunden habe, möchte ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten. Nach dem ersten, ungläubigen Schock üben sie auf mich eine angenehme Anziehungskraft aus und ich finde die Ideen dahinter sehr charmant. Aber möge der Leser selbst urteilen!

(Klick macht groß)

Kostnice Sedlec – Das Sedletz-Ossarium in Kutná Hora

(Der Achtarmige Lüster)

(Das Wappen der Familie Schwarzenberg)

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Santa Maria Immacolata a Via Veneto in Rom


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Capela dos Ossos in Évora, Portugal


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Vita brevis breviter in brevi finietur,
Mors venit velociter quae neminem veretur,
Omnia mors perimit et nulli miseretur.
Ad mortem festinamus peccare desistamus.

Life is short, and shortly it will end;
Death comes quickly and respects no one,
It destroys everything and takes pity on no one.
To death we are hastening, let us refrain from sinning.

Ni conversus fueris et sicut puer factus
Et vitam mutaveris in meliores actus,
Intrare non poteris regnum Dei beatus.
Ad mortem festinamus peccare desistamus.

If you don’t turn back and become like a child,
And change your life for the better,
You will not be able to enter, blessed, the Kingdom of God.
To death we are hastening, let us refrain from sinning.

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(Ad mortem festinamus - Llibre Vermell de Montserrat, 1399.  Quelle aller Bilder: wikipedia. Lizenz: creative commons)


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