Wieder mal unnormal…
Diesen Gedanken liegen aktuelle Ereignisse zugrunde.
Ich halte mich für eine halbwegs normale – meinen biografischen Hintergrund betrachtet erstaunlich normale – Person. In Anbetracht der Tatsache, dass „normal“ ein gesellschaftliches Ideal ist, an dem man gemessen wird, das jedoch nicht erreichbar ist, in Anbetracht der Tatsache, dass „normal“ ein verdammt breites Spektrum ist! -
– Kotzt es mich an! -
- dass sehr berechenbar im Abstand von etwa einem Jahr irgendwer ankommt und mir schwere persönliche Probleme andichten möchten. Im besten Fall kennt die betreffende Person mich seit einigen Woche zumindest oberflächlich, im schlimmsten Fall ist sie fast unbekannter Dozent oder kennt zwei Internet-Kommentare von mir.
Die Experten werden jetzt einwerfen, dass es mir doch furchtbar egal sein kann, was andere Leute für einen Stuss reden. Es sollte mir auch egal sein, allerdings ist das schwerer, als man denkt. Wie ihr alle verdammt gut wisst. Ich fühle mich manchmal wie jemand, dessen Frisörin ihm erzählt, die Tussi von nebenan habe eine ganz tolle Therapiemethode für seinen Fußfetisch entdeckt. Und dieser jemand fragt sich dann, wie die Tussi darauf kommt, er habe einen Fußfetisch? Und wie sie dazu kommt, dem Frisör das zu erzählen? Und warum zur Hölle sie denkt, dass er, wenn er diesen Fetisch hätte, nicht verdammt glücklich mit ihm sein könnte? Wie zur Hölle sie es wagen kann, ihn „heilen“ zu wollen? Und dann regt er sich zu Recht auf.
Wie gesagt, ich halte mich für einen einigermaßen integeren Menschen. Ich selbst zumindest komme sehr gut mit mir zurecht und habe keine größeren Probleme als andere auch. Selbstbewusstsein? Durchaus – nach fünf Jahren Theater als Schulfach und einer stolzen Anzahl „sehr guter“ Referate an Schule und Uni. Umso mehr verwundert es mich, und verunsichert mich natürlich auch vorübergehend, wenn mir solche Sachen angedichtet werden:
Ein Problem mit meiner Weiblichkeit – ich eliminiere das Weibliche in mir, damit das Männliche nicht mehr übermächtig scheint. Ich habe nämlich furchtbare Angst vor Männern, bin depressiv und extrem unsicher (analysierte das vorbildliche Weib, dass das unterlegene männliche Geschlecht aus dem Hintergrund manipuliert, wie es sich für Frauen gehört. Oder so).
Ich habe einen furchtbaren Hang, mich zu entschuldigen – vermutlich liegt das am Elternhaus, weil meinen Eltern nichts gut genug war, also bin ich unglaublich unsicher (analysierte die schrullige, launische, steinalte Dozentin).
Ich bin verklemmt und aggressiv – weil mich jemand seelisch sehr schwer verletzt hat (analysierte der Internet-User, dessen auf Sex und Frauenanbetung basierende Lebensphilosophie ich albern fand).
Dem ließen sich genügend andere Fälle des grober Fehleinschätzungen hinzufügen. Tja, meine tiefen Unsicherheiten sind offensichtlich. Ich bin ein Mannsweib ohne jedes Selbstbewusstsein, stehe ständig unter Leistungsdruck, bin total unlocker und einfach mal so verkorkst, dass ich auch sozial die totale Niete bin. Wohlan! Ich hab trotzdem Spaß im Leben und außerdem stinkt ihr alle.
Ich möchte nur einfach mal erwähnen – denn es gibt sicherlich noch mehr Leute da draußen, die unter Hobbypsychologen und den unüberlegten Urteilen von Mitmenschen leiden – dass es absolut unzulässig ist, aus simplen Beobachtungen
„Sie entschuldigt sich oft“ / „Sie entspricht nicht meinem Frauenbild“ / „Sie will meine Sexbeschreibungen nicht lesen“ / „Sie fühlt sich in Fitnessstudios extrem unwohl“
moralische Werturteile und Rückschlüsse auf den Charakter abzuleiten:
„Sie hat kein Selbstbewusstsein und ihre Eltern sind schuld“ / „Sie hat Angst vor Männern“ / „Sie ist verklemmt weil sie verletzt wurde“ / „Sie ist in allen sozialen Situationen unsicher“
Wem das nicht einsichtig ist, der möge selbst einen Therapeuten zu Rate ziehen.
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- Published:
- Sonntag, 18. Mai 2008 / 3:27
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