Wave Gotik Treffen ‘08: Unordentlicher Reisebericht mit wilden Impressionen

Leipzig.
Bericht für Jasmin und Johannes:
Das WGT war scheiße. Das Wetter war schlecht, die Leute unfreundlich, ich war zu nüchtern, es war furchtbar langweilig ohne euch. Die Musik war grauenvoll, ach, und eigentlich war es das Geld echt nicht wert. Ihr habt nichts verpasst. Nächstes Jahr wird es bestimmt besser, dann könnt ihr ja wieder mitkommen.
Bericht für alle anderen:
Gutgelaunte Gestalten in schwarz sitzen entspannt, in sexy Klamotten und mit Sonnenbrillen angetan, in Campingstühlen um einen Gullideckel. Angeln ist schließlich zum Entspannen gedacht. Deshalb baumeln die Angelschnüre ganz entspannt in den Gulli hinein, während die Goths offenbar ernsthaft und gelassen auf den Fang des Jahrhunderts warten. Einen Babyalligator vielleicht, oder den Leibhaftigen, oder Den Einen Ring. Wer weiß.
Das WGT 2008. Impressionen.
Beginnen wir mit dem Wichtigsten: Konsum.
Die Agra-Halle war wie letztes Jahr auch voll mit schönen Menschen und schönen Dingen zum Kaufen. Supidupi Nebeneffekt des Einkaufens: Man fühlt sich fett. Gut, Anne nicht. Ich schon, wenn ich Oberteile in Größe M/L anprobieren will – und einfach nicht rein komme. Leute, ich bin zwar nicht petit, aber nun auch echt nicht fett. Aber die meisten Sachen da scheinen für pubertierende Hungerhaken, winzige japanische Gothic Lolitas und, um mal politisch korrekt zu bleiben, sehr schmale weibliche Menschen geschneidert. Ich meine, hallo, es ist eigentlich schon beleidigend – und ich meine, beleidigend für die gesamte Frauenwelt, wenn man zwischen fünfzig Oberteilen in den Größen 8 und 10 gerade mal eins in Größe 14 findet. Und dann passt nur die 14. Eine amerikanische 14 ist angeblich eine deutsche 44. Meine Mutter trägt 44. Und meine Mutter ist einen Kopf größer und dadurch sicherlich auch eine Handvoll Kilos schwerer als ich. Ich trage oben 38. Aber gut, ich gewöhne mich langsam daran, dass ich zum Beispiel auch im Billig-Tussi-Laden (hey, ich bin Student und verdammt knapp bei Kasse) Größe 44 habe, also rein rechnerisch auf der kurzen Strecke zwischen ‘Kaufhaus’ und ‘Tussiladen’ jedesmal ungefähr zwanzig Kilo zunehme.
Egal, ich habe jedenfalls im Endeffekt doch genügend schöne Sachen gefunden, um echt verdammt viel Geld auszugeben. Hat Spaß gemacht, und auch wenn ich Anne gelegentlich ganz kurz mal hassen musste, weil sie nach Kleidchen greifen konnte, sie anzog und diese einwandfrei passten, war das wilde Einkaufen echt toll.
Aber es war so scheißkalt!!! Wirklich. Tagsüber war es unglaublich heiß, aber nachts konnte man den eigenen Atem sehen und wir mussten uns in mehrere Schichten Kleidung wickeln, bevor wir ordentlich schlafen konnten. Und dann war natürlich ab acht Uhr morgens keine richtige Ruhe mehr möglich, weil man nassgeschwitzt war, sobald die Sonne aufging. Und die Füße haben wir uns krumm gelaufen, bei den allabendlichen Versuchen, irgendeine Location zu finden. Hinterher stellte sich jedesmal heraus, dass wir den gesuchten Ort gekonnt umkreist hatten, immer und immer wieder. Naja, gefunden haben wir dann doch irgendwie alles. Unterwegs haben wir aber immer irgendwelche anderen hübschen Sachen gefunden, Kirchen, unbenannte, seltsame Skulturen, leuchtende Pflastersteine, verfallende Häuser, romantische Biergärten… und während Anne ihren Liebsten wohl sehr schnell überzeugen konnte, dass er nächstes Jahr mitkommen soll, rede ich immer noch am Phrixus-Mann rum. Dass es wunderschön wäre, in lauen Sommernächten mit ihm gemeinsam durch Leipzig zu laufen und romantisch in einem Restaurant oder Biergarten zu sitzen – TJA, DAS IST HALT NICHT WACKEN, NICHT WAHR?!?!?!
Ist ja nicht so, dass es auf dem WGT keine besoffenen Metaller gäbe (die gibt es offenbar überall), ich habe mich nämlich wunderbar mit einem solchen Grüppchen amüsiert. ich finde betrunkene Menschen nicht wirklich unangenehm, eher lustig. Sonst würde ich auch nicht so gut mit unseren „legendären“ (wie der Phrixus-Mann es ausdrückt) Geburtstagspartys auskommen, wo wir auf ungefähr 40 qm mehr als dreißig Leute zwischen unseren Möbeln und den Bierkästen unterbringen. Keiner weiß wie, aber alle sind besoffen und amüsieren sich ganz prächtig. Und wundern sich, dass meine Zimmerwände nicht schwarz gestrichen sind. So auch letztes Wochenende, wo der Phrixus-Mann seinen Geburtstag nachholte – binnen einer Stunde war die erste Flasche Tequila leer. Und, Leute, mal so am Rande, mein Zimmer sah aus wie ein Schlachtfeld! Das macht ihr im November aber bitte besser bei gleich viel Alkohol, ja? Und wer mir das Badezimmer vollbluten möchte („Ach, ich krich immer Nasenbluten, wenn ich so viel gesoffen hab“ AM ARSCH!), der macht es auch selbst weg. Ja, ich gucke dich an, Christian. Abegesehen davon, war es mal wieder viel zu schnell vorbei, das Besäufnis. Der daraus folgende Beschluss ist, dass ich die Zeit bis zur nächsten Party damit überbrücken werde, mich mit euch in kleineren Grüppchen zu betrinken, da hat man mehr voneinander.
Zurück zu ‘Betrunkene nicht unangenehm finden’: Wobei einer der betrunkenen Metaller (naja, zumindest waren es halt keine Goths, sondern haben sich nur die eher metallischen Kapellen angeschaut, haben gesoffen und gegrölt, das lässt schon recht eindeutige Schlussfolgerungen zu), wirklich eklig belästigend war, so ein Mensch, der glaubt, es mache Frauen scharf, wenn man nur oft genug „Schwanz“ sagt und obszöne Anspielungen macht. Da lallte mich eine der anwesenden Damen an, ich solle mich in Acht nehmen, der sei ein Frauentyp, der würde jede rumkriegen. Hahaha. Schien mir jetzt eher schmierig, aber vermutlich fahre ich einfach nicht genug auf den Typ „Zuhälter“ ab. Ich überzeugte ihn schnell und erfolgreich davon, dass mein Freund im Zelt sei, ich selbst darüber hinaus prüde, geschlechtslos und nicht aufgeklärt und widmete mich lieber einem wirklich netten Gespräch mit einem einundzwanzigjährigen bayerischen Bierbrauer. Ja, ein Bierbrauer! Und der Kerl dachte wirklich, damit könnte man bei Frauen keine Punkte machen! Ein BIERBRAUER! Und dazu nett, gutaussehend (für meine Begriffe und ich stehe nunmal nicht auf Barbie’s Ken) und mit einem wirklich tollen bayerischen Dialekt. Meine Damen, ich bin ja vergeben, aber mit diesem jungen Mann wird sich für irgendeine ein Traum erfüllen.
Mir kam jetzt so unterwegs der Gedanke, dass es vielleicht irgendwen interessieren könnte, welche Konzerte und Veranstaltungen die Anne und ich besucht haben. Der Vollständigkeit halber möchte ich das natürlich kurz zusammenfassen. Freitag abend liefen wir dämlich durch Leipzig auf der Suche nach der „Villa“. Als wir dann endlich da waren, kam die versprochene Party nicht ganz in die Gänge: sie sollte dann doch erst später beginnen. Als sich dann gegen Mitternacht endlich etwas mehr Publikum einfand, wurden das Warten allerdings belohnt. Obwohl ich mich eigentlich auf den Industrial-Dancefloor gefreut hatte, blieben wir dann doch beim „Old School“-Goth sahen etwas älteren albernen Semestern beim Eurhythmie-Ausdruckstanz zu und ich für meinen Teil fühlte mich sehr heimisch in der Kellerdisco, die ein bisschen an die Dark Area im MT in Kassel erinnerte (da muss ich mal wieder hin). Und der DJ, verehrte Leser, der war noch ein DJ – er hat tatsächlich gemixt! „Personal Jesus“ ist ein toller Song, der – was ja viele Menschen nicht begreifen wollen – nicht in jeder Version tanzbar ist. Wenn er beispielsweise von Johnny Cash vorgetragen wird, sollte man zuhören, nicht tanzen! Ihr Deppen kennt den Song doch sowieso nur, weil Manson ihn gecovert hat, aber deshalb muss man doch nicht zu Johnny Cash auf der Tanzfläche rumhüpfen! Das sind meine Standardgedanken. Der DJ allerdings bewies Geschmack: beim zweiten Refrain ging der Song nahtlos in die Version von Depeche Mode über. Damit nicht genug: Johnny Cashs unverkennbare Stimme drang weiterhin durch. Und als zwei Refrains später plötzlich noch Marilyn Mansons elektronisch verzerrte Version erklang und die drei Versionen gleichzeitig und wirklich kunstvoll ineinander gemischt aus den Boxen dröhnten, da dachte ich mir: Das war das Warten wert. Der Abend hat sich gelohnt. Als wir viel zu früh wieder zum Agra-Gelände zurückfuhren und bekamen wir da immerhin noch den Schluss der Mitternachtskonzerts von Paradise Lost mit und fielen dann berechtigt müde ins Zelt.
Am nächsten Tag gammelten wir den Nachmittag über bei der Parkbühne rum und sahen „Reptyle“ und „Escape With Romeo“ – noch nie gehört davon, aber ein netter rockiger Sound. Besonders der Sänger von Reptyle hatte eine sehr angenehme, tiefe Stimme. Abends kamen wir fast zu spät zum Schauspielhaus, aber zum Glück ist Irfan keine sehr bekannte Gruppe. Da ich ständig als Spielleiter auf der Suche nach neuen musikalischen impressionen für meine Vampire-Chronik und Shadowrun-Kampagne bin, stolpere ich allerdings gelegentlich über solche Schätze. Irfan ist eine bulgarische Gruppe, deren Stil am ehesten mit Dead Can Dance vergleichbar ist und die traditionelle Musik des Balkans mit mittelalterlichen, byzantinischen und orientalischen Elementen mischen. Die Sängerin kommt natürlich nicht an Lisa Gerrard heran (niemand tut das), aber ich fand sie wirklich gut und das Konzert war sehr gelungen. Tja, danach stolperten wir wieder eine Weile durch die nächtliche Leipziger Innenstadt, auf der stundenlangen Suche nach der fünf Minuten entfernten Sixtina. (Hey, Veranstalter! Nächstes Mal kaufen wir einen Stadtplan anstatt dieses bescheuerte Ding zu benutzen, dass ihr euch ausgedacht habt!) Als wir dann endlich unsere Dummheit einsahen und die Sixtina gefunden hatten, saßen wir noch eine kleine Weile in einem muffigen, feuchtkalten, mittelalterlichen Keller, in dem auf einer kleinen Leinwand „From Hell“ gezeigt wurde. Ich denke, dort werde ich beim nächsten WGT mehr als eine Nacht verbringen.
Das Ereignis des Sonntags (nach Rumgammeln im Heidnischen Dorf, dem dortigen Mittelaltermarkt) war eigentlich nur die abendliche „Obsession Bizarre“ Fetisch-Party, eine traditionelle Veranstaltung des Wave Gotik Treffens. Die dort gesammelten Eindrücke werden sich sicher irgendwann irgendwo niederschlagen, sei es in einer Kurzgeschichte oder einem RPG-Szenario, und unter dem „Man soll ja alles mal gesehen haben“-Aspekt bin jetzt sicherlich ein Stück weiter. Mein Gesamteindruck und mein Fazit ist, dass ich aufs WGT fahre, um Gothic-Partys zu erleben, die Atmosphäre auf der Fetisch-Party (wenn auch sicherlich nicht unangenehm) für meine Begriffe aber eben nicht gothic ist. Es ist halt keine Goth-Veranstaltung, sondern eine Party der BDSM/Fetisch-Szene, deshalb fühlte ich mich dort nicht besonders heimisch. Das kann man sicher auch anders sehen, aber ich möchte meinen persönlichen Szenen-Konservatismus an dieser Stelle nicht aufgeben, von meiner Prüderie ganz zu schweigen (nicht vergessen: ich bin schließlich verklemmt). Aber gut, ich hätte mir stattdessen ja auch ‘Samsas Traum’ live ansehen können… da war die Fetisch-Party im Endeffekt vermutlich die bessere Wahl.
Am Montag spielen generell einige der Bands, die sonst nur die kleine Bühne auf dem Mittelaltermarkt hatten, nochmal groß in der Agra-Halle, das haben Anne und ich uns dann auch komplett gegeben. Gut, außer Folkstone und Ingrimm, das schien uns eher so ein schönes heidnisches Mittelalter-Metal-Irgendwas-Grunzen-Schreien-Growlen, da kann man auch mal zwischendurch zum Zelt gehen. Naja, und den Anfang des Programms, den Nachtwindheim gab, haben wir auch sausen lassen, damit Anne keine Neurose entwickelt – sie musste bei der Arbeit auf vielen deutsch Mittelaltermärkten ein bisschen zuviel Nachtwindheim hören und reagiert schon leicht allergisch. Und diese Saison wird da wohl nicht anders, an dieser Stelle möchte ich viel Spaß wünschen.
Trobar de Morte, Saltatio Mortis, Faun und Corvus Corax füllten also unseren Abend und ich möchte das mal als gelungenen Abschluss bezeichnen.
Ich muss hier natürlich nochmal unseren Zeltnachbarn Torben und Björn für das Zeltaufbauen, Sachentragen, Kaffeekochen und vor allem die angenehme Gesellschaft danken. Es war wirklich nett mit euch! Das gilt natürlich auch für die liebe Anne, die allein dadurch schon ganz viele Herzchenpunkte bekommt, dass sie sich nachts mit fünf Kleidungsschichten und Kapuze in ihren Schlafsack wickelte und dabei wie eine kleine Raupe aussah.
Unvergessen wird der Rausschmiss durch die Security am Dienstagmorgen bleiben: Die Sicherheitskräfte fuhren auf Buggys über die Zeltplätze und spielten dabei über ihre Megaphone eine ganz schreckliche, fruchtbar laute monophone Version von „My Heart Will Go On“, um auch den letzten Deppen zu wecken und zur Flucht zu bewegen. Sie ließen sich auch durch Handzeichen einwinken und zu bestimmten Zelten lenken, deren Insassen noch schliefen – beziehungsweise dann nicht mehr schliefen. *unschuldighüstel* Hab ich natürlich nicht gemacht, solch grausame Scherze.
Das einzige, was bei diesem WGT fehlte: Der Phrixus-Mann. Und selbstverständlich Jasmin und Johannes, um Zombies spielend nachts am Sicherheitspersonal verbeizuschlurfen. Das wärs gewesen. Wird bitte beim M’era Luna nachgeholt. Ich brauche eine alberne Jasmin und einen motzenden Johannes ( und wenn ihr noch einmal den Spruch „Red mit der Hand…“ in irgendeiner Version bringt, muss ich mir leider ein Megaphon besorgen und mich ein Wochenende lang mit „My Heart Will Go On“ vor euer Schlafzimmer stellen. Ehrlich. Bald gibt’s Strafe.)
Fazit: Ich habe zum Glück wenig Sonne (dank Sonnenschirm) und viel Musik abbekommen, durfte herausfinden, dass ich fett und verklemmt bin, Spaß dabei habe, jedoch zum ultimativen Glück dumme Zombiefreunde brauche. Wenn es das mal nicht wert war!
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- Veröffentlicht:
- Sonntag, 1. Juni 2008 / 2:52
- Kategorie:
- What in me is dark - Subkultur

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