Sinn und Sinnlosigkeit
Manchmal reicht ja ein kurzes Wort, ein Tonfall, eine Geste von einem anderen.
Dann überfällt mich der Gedanke, dass wir Menschen uns alle in unserem Alltag uns selbst so wichtig nehmen. Kein Wunder, wir sind ja die Hauptperson im eigenen Leben. Wo wäre ich denn ohne mich? Ohne mich wäre mein Leben unwichtig, weil eben nicht existent. Also denke ich in erster Linie an mich, denke meine Gedanken, fühle meine Gefühle, plane meinen Tagesablauf – und habe mein Bild von mir, sorgfältig konstruiert, das ich in diese Gedanken und Gefühle einbaue, das Ich, für das ich den Tag plane. Und völlig unbesehen gehe ich mal davon aus, dass das bei allen anderen auch so ist. Wir sind alle die Hauptdarsteller im eigenen Film.
Schade, dass wir nicht auch die Hauptdarsteller in allen anderen Filmen sind, nicht wahr? Aber diese Erkenntnis sollte den meisten Erwachsenen irgendwann im Leben einmal kommen. Andererseits, was interessieren einen denn die anderen, denn mal ehrlich und ohne Böses zu wollen, natürlich sind wir uns alle selbst am wichtigsten. Klar, denn ohne mich gäbe es kein Ich, dem andere Leute wichtig sein könnten. Dass man sich selbst wahrnimmt ist die Voraussetzung dafür, alle anderen wahrzunehmen, so scheint’s.
Trotzdem – oder gerade deshalb – reicht manchmal ein fehlplatziertes Wort, ein unpassender Tonfall, eine dahingeschluderte Geste. Und dann fühlt man sich sowas von unbedeutend, klein und nicht wahrgenommen. Wie zur Hölle kann mich jemand nicht mit dem gebührenden Respekt behandeln? Ich bin schließlich wichtig! Ohne mich gäbe es die Welt gar nicht!
Und dann kommt man ins Rotieren, die Gedanken stehen nicht mehr still, man ist auf einmal nicht mehr das Ich, das für das Ich plant, denkt, fühlt – man ist nur noch ein Bündel an verletzten Gefühlen, das unreflektiert in der Gegend rumreagiert. Ich handele nicht mehr, ich bin aus meinem Drehbuch gerissen, das ich doch so sorgfältig erschaffen hatte, ich vergesse meine so gut durchdachte Rolle – ich bin ein unkonzentriertes Nervenbündel, das wieder eine harmonische, kontrollierbare Umgebung haben will. Denn plötzlich erscheint mir die Welt als ein riesiges, unkontrollierbares, sinnloses Chaos, das auf mich einstürzt und in dem ich völlig unwichtig bin und unterzugehen drohe, in dem ich mein Ich nicht länger stabil halten kann und mich verliere… Und mein kleiner Geist ist gelähmt vor Angst, alle möglichen – bei längerem Hinsehen völlig unwichtigen – Dinge zu verlieren. Aber was kann im schlimmsten Fall passieren? Mal ehrlich: Was denn? Und wäre das wirklich schlimm? Nein.
„Unverhofft stellt der Krieger plötzlich fest, daß er ohne die frühere Begeisterung kämpft. Ermacht alles so weiter wie bisher, doch was er tut, kommt ihm sinnlos vor. Da bleibt ihm nur eins: den Guten Kampf weiterzuführen. Er betet – aus Verpflichtung oder aus Angst oder aus welchen Gründen auch immer -, aber er unterbricht seinen Weg nicht. Er weiß, daß der Engel Dessen, der ihm Inspiration gibt, sich nur eine Verschnaufpause gönnt. Der Krieger konzentriert sich ganz auf den Kampf. Er bleibt beharrlich, auch wenn ihm alles sinnlos erscheint. Und alsbald kehrt der Engel wieder, und allein das Rauschen seiner Flügel wird ihm die Freude zurückbringen.“
Paolo Coelho – Handbuch des Kriegers des Lichts
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- Published:
- Mittwoch, 16. Juli 2008 / 3:36
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