Der schleichende Tod der To-Do-Liste
Ich erinnere mich an eine Zeit, da habe ich To-Do-Listen geschrieben und tatsächlich abgearbeitet. Da stand dann drauf, was an Hausaufgaben und Haushalt erledigt werden muss, dann hab ich drangeschrieben, an welchem Wochentag was davon spätestens gemacht werden muss. Das war super, das hat funktioniert.
Die Faktoren, die mir halfen, diesen Zustand aufrecht zu erhalten waren: Damals lebte ich auf 12 Quadratmetern, Monatgs kam die hauseigene Putzfrau (auch wenn sie nicht wirklich geputzt hat, musste ich mich nicht mal geistig damit beschäftigen), die Wäsche konnte ich nur einmal im Monat zum Waschsalon bringen. Das schmutzige Geschirr habe ich vollständig ignoriert. Möglicherweise noch wichtiger: Ich lebte allein, hatte keine Beziehung, so gut wie keine Freunde, nur zwei Programme im Fernsehen, kein Internet und auf dem Computer liefen kaum Spiele in ausreichender Qualität. Ich hatte nicht wirklich etwas, das mich vom Studieren hätte abhalten können, deshalb konnte ich ausreichend viel Zeit darauf verwenden. Danach hatte ich sogar noch Zeit übrig, um mich einsam zu fühlen. Ich war praktisch auf mich selbst zurückgeworfen, in einer unfreiwilligen, negativen Art und Weise.
Heute müsste ich Dinge wie „Essen“ und „Schlafen“ auf To-Do-Listen schreiben, um überhaupt dahingehende Erfolge verbuchen zu können. Ich habe sonst alles probiert, es klappt nicht. Trotzdem lebe ich noch. Ich blogge, habe Freunde außerhalb meiner Phantasie, und mache auch sonst in erster Linie solchen Blödsinn, den ich als ausreichend wichtig und spaßig empfinde, um getan zu werden. Nachts um drei Bob Ross gucken, mir danach von Harald Lesch die Unendlichkeit erklären lassen. Ich kann inzwischen ziemlich gut kochen und lese wieder Jugendbücher. Gut, manchmal auch Wilde oder Hesse, Orhan Pamuk und ein paar gefeierte Bestseller warten in Stapeln auf mich an der Stelle, wo ich demnächst mal das fünfte Bücherregal hinstellen werde. Irgendwann. Ich denke, ich kann stolz sein, dass ich neben dem ganzen Leben, das ich lebe, überhaupt noch irgendwelche universitären Verpflichtungen und Behördengäne auf die Reihe kriege und gelegentlich sogar meine Wohnung verlasse.
Die To-Do-Liste hat sich als Konzept nicht bewährt. Sie ist nur ein Symptom der Einsamkeit und Verschrobenheit, so wie das Führen angeregter Gespräche mit den Zimmerpflanzen. Organisation ist nichts für mich. Und seltsamerweise ist mein Leben noch nicht um mich zusammengebrochen und erweckt auch keinen dahingehenden Anschein – selbst wenn ich Sachen erst einige Stunden vor der Deadline erledige – oder manchmal auch gar nicht, Rechnungen nicht abhefte und seit längerer Zeit keine Wäsche mehr gebügelt habe.
Und der Vollständigkeit halber muss an dieser Stelle mal wieder Tyler Durden zitiert werden:
Fuck Martha Stewart! Martha’s polishing the brass on the Titanic; it’s all going down, man. So fuck off with your sofa units and your Strinne green stripe patterns. I say, never be complete. I say, stop being perfect. I say, let’s evolve, and let the chips fall where they may.
About this entry
You’re currently reading “Der schleichende Tod der To-Do-Liste,” an entry on ...orestias - tales from the mountains...
- Veröffentlicht:
- Sonntag, 25. Januar 2009 / 20:15
- Schlagworte:
- Lebenswandel, Organisation, Prokrastination
1 Kommentar
Jump to comment form | comment rss [?] | trackback uri [?]