Ohne Netz überm Abgrund. Gelobt sei die Krankheit…

… denn die Kranken sind ihrer Seele näher als die Gesunden, sagte Marcel Proust.

Und so stehe ich plötzlich ohne Netz über einem Abgrund. Vermutlich tun wir das alle. Doch die wenigsten sehen nach unten. Ich habe lange an einer Überschrift gegrübelt, und noch länger daran, ob ich etwas zu dieser Sache schreibe. Ob ich überhaupt wieder etwas schreibe. Was ich überhaupt als nächstes tue. Wie nah ich meiner Seele bin, kann ich nicht einschätzen. Zu viel entzieht sich meiner Kontrolle.

Ich weiß nicht einmal, ob ich mich als „krank“ betrachten soll. Noch habe ich ja keinen Krebs. Ich fühle mich auch nicht krank. Ich fühle mich aber auch nicht, als sei alles in Ordnung oder als würde jemals alles wieder völlig in Ordnung sein. Raucher leben mit dem Tod im Hinterkopf, zumindest sollten sie das. Sie wissen um ihr Krebsrisiko, sie werden von allen Seiten damit bombardiert. Ich rauche nicht. Und jetzt bin ich Risikopatient. Bin ich ein Hochrisikopatient? Ich weiß es nicht, und die Ärzte scheinen es auch nicht zu wissen – oder vielleicht doch, denn warum sonst sollten sie sich entschließen, mich noch einmal zu operieren? Um das Risiko weiter zu minimieren, um eine Hysterektomie weiter aufschieben zu können. Plötzlich ist man als Patient auch ein bisschen Fachmann, mit all den Fremdwörtern. Für die, die bisher mit diesem Wissen verschont wurden: Eine Hysterektomie ist eine Gebärmutterentfernung.

Ich bin übrigens 24 Jahre alt. Und ich weiß nicht, was ich bin. Bin ich Krebspatient? Ich hab ja keinen Krebs. Noch nicht. Sonst wäre ja auch jeder Raucher schon ein Krebspatient, oder? Andererseits war es ja schon fast so weit. Vielleicht wäre ich ohne Vorsorge in drei Jahren tot. Oder niemals. Es kann ja niemand genau sagen, ob aus diesem schicken Carcinoma in situ ein richtiger Tumor geworden wäre. Vermutlich aber schon. Und es kann einem überhaupt sowieso niemand irgendetwas mit Bestimmtheit sagen, wir operieren ja heutzutage mit Wahrscheinlichkeiten. Und so bin ich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Krebserkrankung entgangen. Sollte ich das alles so sehen? Oder den Gedanken an Krebs ganz weit weg schieben, schließlich hat jeder für irgendwas ein Risiko und ich habe ja schließlich gar keinen Krebs, ist ja alles gut jetzt und alles weggeschnitten. Für wie lange alles gut ist? Das wissen die Ärzte nicht so genau. Aber auch dann werde ich kein Krebspatient sein, denn man wird mir die Gebärmutter entfernen, bevor es überhaupt so weit kommen kann. Also, was bin ich denn nun, was ist los mit mir? Bin ich krank? Ich fühle mich nicht krank. Aber es ist nichts mehr in Ordnung.

Was soll ich tun? Mich besser fühlen, mich über mein Leben freuen, so tun als ob alles normal wäre? ich bin ja nur ein bisschen operiert worden, schnippschnapp, war ja nur eine Vorstufe, vorsichtshalber entfernt, wegen der Wahrscheinlichkeit. Um alle Risiken zu minimieren. Und jetzt ist alles wieder normal, beziehungsweise, wenn eben die Nachfolgeoperation durchgeführt wurde. Weil momentan noch zuviel Vielleicht-Irgendwann-Krebs da ist. Und dann? Dann muss ich mir nie wieder Gedanken machen? Weil ich ja nie Krebs hatte und nie welchen haben werde. Dann ist alles normal und ich lebe mein normales Leben. Irgendwann dann eben wahrscheinlich ohne Gebärmutter, aber dafür hatte ich dann auch nie Krebs. Kein Grund für Missmut.

Gibt es Selbsthilfegruppen für Frauen, die fast Krebs haben? Die Vielleicht-Irgendwann-Krebs haben? Die (fast) dasselbe über sich ergehen lassen sollen wie Krebspatientinnen, es wird operiert und diagnostiziert und der Befund aus der Pathologie war ungünstig, aber keine Sorge, Krebs ist es noch nicht. Aber Sie sollten trotzdem eine Hysterektomie in Betracht ziehen. Beeilen sie sich ein bisschen mit der Familienplanung. Und zur Vorsicht operieren wir nochmal. Das Gewebe könnte wieder entarten. Sie müssen alle drei Monate zur Kontrolle. Stören Sie sich nicht daran, dass das Prozedere irgendwie eigentlich doch fast dasselbe ist. Krebs ist es nicht. Na dann ist ja alles in Ordnung!

Ich wünsche mir eine eindeutige Krankheit. Oder gar keine. Nicht so eine Vielleicht-Krankheit. Sondern etwas, wo ich auch wirklich am Boden zerstört sein kann, wo alle einsehen, dass es schlimm ist und schlimmer kaum geht, eine Krankheit, wo ein Seelsorger kommt und dabei hilft, wie es jetzt weitergehen soll im Leben. Eine, die die anderen und die Ärzte nicht erwarten lässt, man solle jetzt erleichtert sein und glücklich beschwingt, denn das Risiko wird ja minimiert, klar, gerne ein weiterer Krankenhausaufenthalt. Mein Uterus in Scheiben, aber mir geht’s gut, ich hab ja nichts.

Also will ich brav dankbar sein, keinen Krebs zu haben? Nein! Ich will mit meinem Schicksal hadern, hier, jetzt. Ich will wütend sein und mein Leben ändern und auch zu denen gehören dürfen, die laut schreién, dass sie gegen den Krebs kämpfen! Wie soll ich das tun, wie soll ich das nur tun? Ich habe keine Krankheit. Ich habe eine Wahrscheinlichkeit, die ausgeschaltet werden soll. Und gegen ein Vielleicht und eine Nur-Vorsichtshalber-Gebärmutterentfernung, was soll man da schreien? Wie soll ich bloß gegen ein Vielleicht kämpfen?

Die Resignation, wie sie viele Christen glauben im Namen Gottes haben zu müssen unter der Last der Übel, ist nicht christlich. Ich bin deswegen nicht ganz einverstanden mit dem Spruch, den man Kranken oft ins Zimmer hängt: „Ich muß leiden, ich kann leiden, ich darf leiden, ich will leiden.“ Das ist nicht wahr – ich will nicht! Das ist eine verzwungene Geschichte. Das hätte der Heiland nie gesagt, er sagte nur: „Ich ergebe mich“, aber es ist ein stiller Protest darin.
Christoph Blumhardt

Es ist alles göttlich – für den Sinn, der hindurchlebt. Auch das Leiden hat seine stille Türe, durch die die Ruhe hereinspricht, und die Ewigkeit der Taten, und der Herzschlag, der das Irrende und Entzweite verbindet. Aber man muß erst frei in ihm stehen; muß mit seinem Willen in sein Schicksal getreten sein, sonst erkennt man diese Türe nicht.
Georg Stammler


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