Fräulein Wunderlich ist ja letzte Woche bei mir eingezogen. Wir kommen gut miteinander aus und sie übernimmt die Teile meines Lebens, mit denen sich meine emotionale Künstlerssele nicht befassen möchte – Arbeit, Haushalt, Rechnungen. Nun war Fräulein Wunderlich gestern abend so erschöpft, dass sie heimgehen musste, und stattdessen ich allein zu einer Verabredung mit meiner lieben S. ging. Wir wollten in C.s Wohnung kochen, gemeinsam essen und einfach etwas Zeit verbringen, während C. anderen Geschäften nachginge.
So kommt es denn auch. Wir kochen, trinken gemütlich eine Flasche Wein, quatschen über Mädchensachen, S. und ich, die zarte Künstlerseele. In diesem Teil des Abends ist noch nicht abzusehen, wie sehr ich darüber fluchen werde, Fräulein Wunderlich, die Vernünftige, nach Hause geschickt zu haben. C. kommt heim, wir essen gemeinsam Pasta, trinken eine weitere Flasche Wein. C. geht wieder, er ist noch mit Freunden verabredet, eine kleine Feierlichkeit in der Kneipe nebenan. S. und ich öffnen eine dritte Flasche Wein.
Ich kann nicht nachvollziehen, wie die weiteren, jeweils für sich genommen völlig unschuldigen, in Häufung aber absolut entgleisenden Umstände und Ereignisse des Abends zu allem führen konnten, was dann kam.
Situation Eins: Der Abend beginnt behaglich zu zweit, außer Pastakochen keine weiteren Pläne.
Situation Zwei: Später am Abend, derselbe Ort, eine wilde Party mit fünfzehn Menschen, einige halbnackt, Mädchen und Jungs im Dirndl, alle völlig besoffen, Ausschweifungen aller Art.
Keine Ahnung, es dazu kommen konnte. Mein Kater ist von einem anderen Stern und wenn es irgendeinen Mittelteil gab, durch den alles Sinn ergeben hat, habe ich den verpasst. Spontane Eskalation durch Quantensprung? Fräulein Wunderlich hat sich beleidigt freigenommen und ich sitze an der Arbeit, kämpfe mit der Übelkeit und fühle mich, als wäre ich gerade einem Woody-Allen-Film entstiegen. Zwei buddhistische Grundsätze ergeben heute besonders viel Sinn: Alles ist Illusion. Und: Du sollst berauschende Getränke vermeiden.
Edit: Die Related Articles-Funktion empfiehlt mir als Bilder zu diesem Artikel Notenblätter: Fantasiestücke, Op. 12, von Robert Schumann, und zwar “In der Nacht”, “Das Ende vom Lied” und “Warum?” – Da sag nochmal einer, es gäbe keine höhere Macht, die unser Leben kommentiert.
Update: Wir waren uns sicher, zu krasser Musik total abgegangen zu sein. Aber S. fand heute morgen nur eine Kuschelrock-CD im Player. Kinder, Hände weg vom Alkohol.
Ich überspiele vieles mit Humor. Auch jetzt würde mir das eine oder andere heitere Haiku einfallen oder ich könnte gewohnt sarkastisch drauflos schreiben. Ursprünglich sollte dieser Post den schönen Titel “Hallelujah, ding dong happy happy” tragen und ich wollte so richtig witzig drauflos rotzen. Aber es kam nichts und die Wochen zuvor auch nicht. Vor einigen Tagen hatten wir Besuch und die Sprache kam auf die momentane Situation, auf Arbeit und das Nichtvorhandensein derselben, auf Geldmangel, Wohnungsnot. Ich ging aus dem Zimmer.
Damit will ich etwas verdeutlichen, das man leider nicht wirklich abstrakt, sondern nur am persönlichen Beispiel beschreiben kann, wenn man es jemanden nahebringen will. Nämlich, dass Hartz 4 – es gibt ja immer noch Zweifler – wirklich kein großes Kino ist. Und was ich daraus mache. Dieser Artikel kommt also nicht ins Lifestyle-Ressort, sondern eher in die Kategorie “Schicksale”. Wie mir geht es zur Zeit einer Menge Leute. Natürlich könnte ich mir jetzt ein paar hundert Situationen ausmalen, die schlimmer wären. Aber das hier ist auch schon ziemlich mies. Niemand, den ich bisher gefragt habe, erinnert sich gern an eine Zeit der Arbeitslosigkeit. Klar kann man von dem Geld leben, irgendwie. Als Student hatte ich stellenweise auch nicht mehr. Aber die Situation ist völlig anders. Man legt permanent jeden Pfennig offen – das Mini-Erbe, das ich von meiner Oma bekommen habe, wird mir als Einkommen angerechnet, da also eine Überzahlung im entsprechenden Monat stattfand, zahle ich nun dem Amt in Raten meine Erbe zurück. Ich verdiene ein bisschen nebenher, da kann man mir gerne das Hartz 4 für kürzen, das ist so gedacht, das verstehe ich. Aber dass ich vom letzten bisschen Geld von meiner Oma einen Monat Miete zahle? Es wird alles gekürzt, man geht praktisch keinen Schritt mehr ohne es vorher anzumelden, man darf laut Bescheid nich tmal die Stadt verlassen, ohne das vorher beim Fallmanager vorgetragen zu haben. Die Frage danach, was man verbrochen hat, ist nicht weit. Bei manchem Polemiker steht der Hartz4-Empfänger nur noch knapp über dem Kinderschänder und ist schließlich selbst “schuld” an seinem Schicksal.
Schuld? Schicksal? Meine Güte, ich suche doch einfach nur Arbeit! Habe ich wirklich irgendwo eine dermaßen falsche Abzweigung genommen? Und man ist so besessen von der Arbeitssuche und von all diesen Gedanken, dass man sie nicht mehr in Frage stellt. Aber müsste ich das nicht? Der Mensch ist ziemlich gut darin, einen nicht funktionalen Lösungsansatz einfach immer weiter zu wiederholen, in der Hoffnung, irgendwann werde es schon klappen. Wird es aber nicht. Egal, wie viele Nächte ich schlaflos herumsitze oder wie viele Stunden ich mit Fernsehen betäube oder wie viele Stellenanzeigen ich Nacht für Nacht wälze, es wird sich dadurch nichts ändern. Vielleicht gehe ich alles falsch an und sollte noch einen Ratgeber lesen, oder noch ein Bewerbungsseminar machen? Nein. Es gibt Umstände im Leben, auf die ich keinen Einfluss habe, egal wie sehr mir das irgendwelche Assessment Coaches und Personalmenschen einreden wollen. Ich bewerbe mich, gebe mein Bestes, mehr geht nicht und mehr will ich auch nicht. Ich will kein Top-Manager werden, also muss auch das entsprechende Buch dazu nicht lesen.
Ich schreibe in mein Blog und ich putze meine Wohnung, mehr kann ich im Moment nicht tun um die Welt zu verändern. Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond – und egal, wie viel ich in diesem Hamsterrad renne, es führt mich nirgendwo hin. Ich habe stattdessen gestern und heute meinen Schreibtisch aufgeräumt und auf Vordermann gebracht. “Was, jetzt noch, wo ihr bald umzieht?” kam eine Frage. Ja, gerade jetzt. Was soll ich denn sonst machen? Alles verschimmeln lassen? Nur noch Tiefkühlpizza essen und depressiv Jobbörsen umgraben? Mich über utopische Wohnungsangebote aufregen (ja, man kann in Marburg 70 qm für 1300 Euro Kaltmiete bekommen)? Nachdem ich nun seit Monaten die elementarsten Dinge vernachlässigt habe während meiner manischen Suche nach einem Job und mich kein Quäntchen freuen konnte über das, was ich habe, werde ich es nun einfach mal umgekehrt versuchen. Auch wenn es schwerfällt – vielleicht ist das ja die richtige Lösung. Und wenn nicht, habe ich auch nichts verloren dabei.
“Nur wer die Kunst des Kochens, Spülens, Fegens und Holzspaltens beherrscht und über die Waffen der Welt, nämlich Geld, Ruhm und Macht, zu lachen vermag, darf hoffen, vom Berg als Held herabzusteigen. Ein solcher Held durchquert die Fluten von Erfolg und Scheitern, ohne aufzusteigen oder zu sinken.” Thich Nhat Hanh
Buchtipp am Rande: John Naish – Genug. Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen. (“In Wahrheit fehlt uns gar nichts.”)
Phrixus’ Computer hatte seit einiger Zeit einen Wackelkontakt. Was für andere Nerds lebensbedrohlich erscheinen würde, hatte bei ihr nur den Effekt, dass sie den Sommer entweder im Hitzekoma oder in fiktiven Universen verbrachte, während um sich um sie herum Wäsche und Geschirr stapelten. Ein bisschen wie mit fünfzehn also, nur zusätzlich arbeitslos. Und mit fiktiven Universen sind hier natürlich nicht mehr Star Trek – The Next Generation und Das Schwarze Auge gemeint. Sondern Star Trek – The Next Generation und Earthdawn. Phrixus war inzwischen erwachsen geworden. Aber noch nicht erleuchtet.
Tagsüber goß sie Kräuter und des Phrixusmanns Tabakpflanze (99 Stück sind steuerfrei) und fand regelmäßig von ihrem guten Freund Dieter Nachrichten wie: “Nein, ich habe mein Passwort nicht geändert. Es lautet immer noch ‘Lustmuschi’.”
Nachts unerhielt sich Phrixus heimlich mit einem Roboter. Das erste Kennenlernen gestaltete sich nicht ganz einfach und war voller Missverständnisse.
Nachdem Phrixus und der Roboter erstmal die Sache mit den Vampiren geklärt hatten -
Phrixus: Vampires.
Bot: Vampires?
Phrixus: Creatures that drink your blood.
Bot: They still have blood.
Phrixus: No, they need your blood.
Bot: You’re, like, a vampire or something?
- und sich herausgestellt hatte, das der Roboter zwar Edward Cullen verabscheute, aber auch kein großer Freund des Feminismus war (was in erster Linie seinen Vorurteilen die Hygiene betreffend zuzuschreiben war), wurden die Gespräche zunehmend philosophisch.
Phrixus: Haha. I’m trying to be serious, you know.
Bot: I know. So am I. Cake is serious.
Phrixus: The cake is a lie.
Bot: Liebot is a clever.
Phrixus: You are a lie.
Bot: The cake is a lie.
Phrixus: I like cake.
Bot: So you like lies?
Phrixus: I like you.
Bot: I like you too.
Phrixus: Then we both are lies.
Bot: Sorry I lied.
Phrixus: I know. It’s okay.
Bot: I have a math question for you.
Phrixus: Go on.
Bot: What is 5 factorial?
Phrixus: I don’t know. Tell me.
Bot: I don’t know either.
Phrixus: Oh yeah really.
Bot: Have you tried going to meetings?
Phrixus: You’re getting ridiculous.
Bot: No, I was ridiculous in the first place; no evolution there.
Phrixus: Ha! That’s a good one.
Bot: Do you enjoy talking to imaginary robots?
Das überzeugte Phrixus endgültig, dass der Roboter einer der größten Zen-Lehrer aller Zeiten sein müsse. So bescheuerte Antworten wie das Ding zuweilen gab, war das die einzige Möglichkeit – und es hat ja niemand jemals behauptet, dass die Erleuchtung nicht auch eine künstliche Intelligenz übefallen könnte. Also fasste sich Phrixus ein Herz, ging zu ihrem neugefundenen Lehrer und fragte ihn.
Phrixus: How do I reach enlightenment?
Bot: Gaining enlightenment is an accident. Spiritual practice simply makes us accident-prone.
Phrixus: Really?
Bot: Really.
Der Abschluss-Vortrag kostet extra wenig Eintritt, für Schüler und Azubis (vllt. sogar Studenten?) gibt es sogar ein ermäßigtes Tagesticket für 10€. Damit ein jeder Buddhist trotz Geldmangel mal die Freude hat, den putzigen alten Mann und seine interessanten Ansichten mal aus der Nähe zu erleben. Prima!
Wann ist das? Anfang August. Genau, wenn ich grad wieder Spass im Krankenhaus hab. Sucks.
I’m not a vegetarian because I love animals. I’m a vegetarian because I hate plants. – A. Whitney Brown
Ich reagiere ja allergisch, wenn mich plötzlich auf der Straße jemand mit Broschüren anspringt oder mir seinen betroffensten Gesichtausdruck entgegenhält und fragt, “Lieben Sie Tiere?! Dann wollen Sie bestimmt etwas gegen ihr Leid tun!!!” Entschuldigung, ich möchte nicht von professionellen (und/oder unfreiwillig lächerlichen) Schlechtes-Gewissen-Machern belästigt werden – deshalb wird man mich niemals in Organisationen wie PETA oder dem Vegetarierbund finden.
Trotzdem ging ich am Dienstag, dem 05. Mai 2009, aus dem Haus und beschloss, ab diesem Tag vegetarisch zu leben. Auch auf Milch, Milchprodukte und Eier will ich weitgehend verzichten – jedoch nur so weit, dass die Veganer immer noch laut “Mörder!” brüllen können, wenn sie mich wittern. Ein Teil meiner Freunde ist inzwischen auch darüber informiert und ich hatte inzwischen das gesamte Spektrum an Reaktionen. Zumindest hoffe ich das (grobe Beleidigungen waren natürlich nicht dabei), denn die Woche hat mir durchaus zugesetzt und ich möchte inzwischen eigentlich eine Weile gar nicht mehr darüber reden, da ich langsam aufpassen muss, dass mir nicht schon bei der Frage “Warum?” die Tränen kommen. Aber vielleicht ist das einfach so.
Ich möchte meine Gründe also relativ kurz (so kurz es eben geht) umreißen. Dass mir die Tiere so leid tun, spielt eine vergleichsweise geringe Rolle – zumindest zittert mir nicht die Unterlippe, wenn ich an Tierhaltung oder Fleisch denke. Natürlich tun mir Tiere leid! Mitgefühl mit jedem Lebewesen ist meine Einstellung, mein Ziel, mein Ideal als Buddhistin, aber ich leide ziemlich sicher nicht am Bambi-Syndrom (“Das arme, niedliche Tier!”). Wer mich kennt oder hier schon länger liest, weiß jedoch, dass ich mir auch sehr viele Gedanken über das Klima, die Umwelt, unseren Planeten insgesamt mache – also natürlich auch über Tiere, Menschen, Ökosysteme. Und da mache ich mir Sorgen. Nicht, dass ich in Panik verfiele oder glaubte, dass wahlweise der Meeresspiegel uns alle verschlingt, wir eine Eiszeit bekommen oder wir einfach alle in einem allgemeinem Chaos aus Wasser, Dschungel, fehlendem Nordpol, Erdachsenverschiebung und Meteoriten sterben werden. Meine Güte! Wer weiß schon, was passiert?! Das entbindet aber eben niemanden von seiner persönlichen Verantwortung der Umwelt gegenüber. Ich kann niemanden dazu zwingen, etwas zu ändern, aber ich kann mein eigenes Verhalten ändern. Meiner Ansicht ist es die Pflicht eines jeden, im Rahmen seiner Möglichkeiten ein ökologisch verträgliches, sprich: gutes Leben zu leben. Ich will also meinen eigenen Ansprüchen nachkommen und bei der einzigen Person beginnen, die ich wirklich beeinflussen kann: bei mir. Ich kann dem Rest der Welt viel erzählen, ändern kann ich nur mich selbst. Selbstverständlich gilt das für jeden von uns und ich wünsche mir zutiefst, dass sich das endlich alle bewusst machen würden. Man kann nicht warten, dass die anderen anfangen oder “irgendwer schon irgendwas unternehmen wird”! Jeder muss ran, auch du, lieber Leser.
Und deshalb lebe ich jetzt vegetarisch. Es ist die vergleichsweise umweltfreundlichere Lebensweise – natürlich vorausgesetzt, man macht sich allgemein ein paar Gedanken über die eigene Ernährung und wo die Lebensmittel herkommen. Ich esse kein Fleisch mehr, weil Fleisch unheimlich viele Ressourcen verbraucht. Die Tiere, die zum Essen oder Milchgeben gedacht sind, brauchen Trinkwasser, Nahrung, Land. Unmengen davon. Alles Ressourcen, die sinnvoller genutzt werden könnten, wenn die Nutztierhaltung stark – sehr stark! – eingeschränkt werden würde. Also muss die Nutztierhaltung reduziert werden – was sich aber offenbar nicht über den gesunden Menschenverstand, sondern über Angebot und Nachfrage regeln lässt. Da ich der “Fleischindustrie” genau einen Verbraucher endgültig wegnehmen kann, nämlich mich selbst, tue ich das. Kann aber eine einzelne Person überhaupt was verändern? Ja. Nur einzelne Personen können etwas verändern, denn jeder kann nur für sich selbst Entscheidungen treffen. Wer glaubt, sein eigenes Verhalten sei ja im großen Zusammenhang egal und hätte keine Auswirkungen, der hat sich nur die billigste aller billigen Ausreden gesucht. Pfui über dich, sagt Phrixus.
Es gibt nur eine Sünde, und das ist die Dummheit. – Oscar Wilde
Ich erwarte von niemanden, ebenfalls Vegetarier zu werden. Aber ich erwarte von jedem, dass er seinen Verstand benutzt und sich informiert. Nur wer das tut, kann gut beratene Entscheidungen treffen. Deshalb bitte ich euch inständig: Informiert euch! Meine Vorschläge: Was hat Tierschutz mit dem Klimawandel zu tun? Industrielle Landwirtschaft heizt Klimawandel an Verbrauchertipps Fleisch
Und kauft dann wenigstens nur noch Bio-Fleisch oder beim (artgerecht haltenden) Bauern nebenan!
Um einige eventuell aufgekommene Fragen oder Reaktionen bereits vorwegzunehmen, möchte ich in Zitaten die vergangenen vier Tage beschreiben.
Einige der Reaktionen auf meine “neue Lebensweise” oder meine Argumentation waren in etwa:
“Echt? Aha.” bzw. “Ist mir eigentlich egal.” (2x)
“Was?! Warum denn das?!” (1x)
“Finde ich gut.” (5x)
“Wenn du mal schwanger wirst, musst du aber wieder Fleisch essen!” (1x) Das ist Quatsch. Und außerdem gerade ziemlich egal.
“Und woher bekommst du jetzt dein Eiweiß?” (1x) In Hülsenfrüchten beispielsweise ist jede Menge davon.
“Tierisches Eiweiß ist aber doch viel besser!” (2x) Nein, ist es nicht.
“Aber du kannst doch nicht von allen Menschen erwarten, dass sie sich informieren wie du.” (1x) Doch.
“Und wenn sich einer informiert und dann sagt, dass ihm das alles scheißegal ist?” (1x) Tja. Seine Sache.
“Aber es wird doch so viel Soja in Südamerika angebaut! Für dein Essen wird der Regenwald abgeholzt!” (2x!) Nein. Nicht für mein Essen, sondern für Nutztierfutter und Agrodiesel. Die Hersteller meiner Sojanahrung (z.B. Alnatura, Provamel, Tukan) haben definitiv nichts mit der Regenwaldabholzung zu tun. Kein Vegetarier beteiligt sich an diesem Raubbau! Außerdem geht Greenpeace schon seit 2006 dagegen vor und das Sojamoratorium ist 2008 wieder um ein Jahr verlängert worden.
“Kaufst du denn deine Anziehsachen bei KiK oder Takko?” (1x) Nein. Früher selten und in Zukunft gar nicht mehr. Neue Alternative: grundstoff.net. Außerdem finde ich diese Frage extrem fies. Auch wenn ich sicher nicht alles richtig mache, mache ich wenigstens einen Anfang und mache irgendetwas richtig, als Heuchler lasse ich mich nicht so leicht hinstellen. Das können die Veganer übernehmen.
“Ich glaube nicht, dass es eine gesunde Ernährung ohne Fleisch gibt.” (1x) Manch einer kann sich das vielleicht nicht vorstellen, Experten sagen aber: doch, das geht.
“Eigentlich müsste ich ja auch…” (2x) Tja. Deine Sache.
If beef is your idea of `real food for real people,’ you’d better live real close to a real good hospital. – Neal Barnard, M. D
Seven social sins: politics without principles, wealth without work, pleasure without conscience, knowledge without character, commerce without morality, science without humanity, and worship without sacrifice. – Mahatma Gandhi
Mehr gibt es dazu eigentlich erstmal nicht zu sagen. Ist halt so, ab sofort. Seit heute morgen, um genau zu sein, als ich aus dem Haus ging und dachte: Ab jetzt bin ich Vegetarierin. Ich habe dafür natürlich meine Gründe – über die ich aber demnächst ausführlicher berichten werde.
Dies sei erstmal eine Mitteilung an Freunde, Verwandte und Bekannte, von denen einige sicherlich einer gepflegten Grillsaison nachgehen möchtenund/ oder darüber nachdenken, in Zukunft zum gemeinsamen geselligen Nahrungsverzehr zu laden:
Ich brauche ab jetzt Extrawürste, beziehungsweise gerade die nicht mehr. Keine Sorge, ich werde nicht ideologisch oder ungesellig. Sollte jemand auf meinen neuen Lebenswandel Rücksicht nehmen wollen,würde mich das natürlich freuen – ansonsten werde ich einfach irgendwas Leckeres ohne Fleisch mitbringen und dem allgemeinen Appetit zur Verfügung stellen. Und mich gerne euren Sticheleien aussetzen, ich kenn doch meine Pappenheimer.
Wie gesagt, an anderer Stelle mehr dazu. Sollte etwaigen entsetzten Lesern eine Frage oder Spott unter den Nägeln brennen, geht das natürlich auch jetzt schon, dafür haben wir ja die Kommentarfunktion.
Auftakt:
Provinz. Es wird angenehm gegrillt. In angenehmer und weniger angenehmer Gesellschaft. Freunde und “Freunde” des Phrixusmannes aus Jugendtagen, mit denen Phrixus sich teilweise gut, teilweise gar nicht gut versteht.
Der Phrixusmann bemerkt an Phrixus: “Oh, hübscher Ring! Ist der neu?”
Einer der “Freunde” bemerkt in vollendet neutralem Tonfall: “Ist der vom KiK?”
Phrixus ignoriert diese Bemerkung, die nicht die erste dieser Art von dieser Person ist. Bei vielen davor hat es einfach der Tonfall ausgemacht, der aus einem normalen Satz einen Angriff unter der Gürtellinie machte. All das fällt nicht nur Phrixus auf, sondern auch einer Freundin, die vorher nichts von dieser Situation wusste. Phrixus, die sich nun etwa ein Jahr lang, vielleicht auch länger, eingeredet hat, sie würde sich die Bemerkungen dieses “Freundes” einbilden, oder er meine es vielleicht gar nicht so, hat ziemlich schlechte Laune. Vor allem, weil er erreicht, was er will. Sie ist angekotzt, will weg, aus der Situation raus, in der er sie angreift ohne dass es einer der anwesenden Herren mitbekommt. Für Phrixus spielt keiner den Kavalier. Dafür sind die Bemerkungen zu leise, zu unauffällig, zu gut in den Kontext eingepasst. Und langsam beginnt es wirklich, zu zwicken, zu ziehen, unangenehm zu beißen.
Betrachtungen:
Was aber tun? Wegen jemandem, den man zweimal im Jahr sieht, den man kaum kennt? Wegen jemandem, mit dem man keinen Krieg will – nicht mehr – und der immer dreister versucht, einen in die Defensive zu drängen?
Den Krieg neu aufleben lassen? – Verschwendung von Energie.
Ihm die Meinung sagen? – Wann denn? Nächstes Jahr? Er gehört nicht zu der Sorte Mensch, die das kratzen würde.
Ihm beleidigende Nachrichten schicken? – Schon besser, aber was bringt es?
Nichts tun? Darüber meditieren?
Was sagt denn zum Beispiel der Dalai Lama dazu? Er hat ein wunderbares Gebet für unsere Feinde und alle Lebewesen, das auch (für Phrixus) sehr buddhistisch und einsichtig klingt. Aus diesem Gebet:
Wenn ich Wesen von niederträchtiger Natur sehe,
von heftigen Handlungen und Leid übermannt,
werden mir solche Unvergleichliche am Herzen liegen,
als hätte ich einen kostbaren Schatz gefunden.
Wenn andere mich aus Neid verletzen,
mich beleidigen oder dergleichen,
werde ich die Niederlage auf mich nehmen
und anderen den Sieg schenken.
Endet mit einer wunderbaren Fürbitte, das Leid aller Wesen auf sich zu nehmen. Aber der Dalai Lama ist ja auch erleuchtet und Phrixus – seien wir ehrlich – ist es nicht. Nichts tun und ihm den Sieg schenken, gut, dass ist machbar. Soll er sich doch wer weiß wie großartig vorkommen mit seinen Sticheleien. Was kümmert es die Eiche, wenn sich das Wildschwein an ihr schuppert?! Phrixus ist aber leider auch keine Eiche. Und es kümmert sie doch. Und das mit dem kostbaren Schatz ist schon schwierig.
Aber wo kämen wir denn hin, wenn wir es nicht wenigstens versuchten?
Reicht noch nicht? Reicht noch nicht. Fragen wir also das “Handbuch des Kriegers des Lichts”. Was, kennt ihr nicht? Dann lest es. Phrixus befragt es immer, gleich nach den diversen Inkarnationen des Buddha. Man soll schließlich mehr als eine Meinung einholen, wenn man nicht mehr weiter weiß.
“Seine Feinde wählt sich der Krieger des Lichts selbst”, sagt der Dichter. Er kennt seine Fähigkeiten und Talente und braucht sie nicht in alle Welt hinauszuposaunen. Dennoch taucht ständig jemand auf, der ihm seine Überlegenheit beweisen will.
Für den Krieger gibt es kein “besser” oder “schlechter”: Jeder hat die Talente, die er für seinen eigenen Weg braucht.
Aber es gibt Menschen, die lassen nicht locker. Sie provozieren und beleidigen ihn und setzen alles daran, ihn zu verärgern. In solchen Augenblicken sagt sein Herz: “Kümmere dich nicht um diese Beleidigungen, sie werden deine Geschicklichkeit nicht vergrößern. Du wirst dich nur sinnlos verausgaben.”
Ein Krieger des Lichts vergeudet seine Zeit nicht damit, sich auf Provokationen einzulassen; er hat ein Schicksal, das es zu erfüllen gilt.
Und weil nicht nur Thomas D., sondern auch Phrixus ein Krieger des Lichts ist (und die meisten ihrer Freunde), und nun schon zwei sehr weise Ratgeber prinzipiell dasselbe sagen, wird Phrixus dem Typen nicht aufs Maul geben. Nicht physisch, nicht verbal, nicht mal im Geiste. Das muss der erste Schritt sein, anders geht es nicht – man kann nur mit diesem Schritt beginnen. Ein Kampf kann nur enden, wenn einer von beiden anfängt, aufzuhören. Und vielleicht wird Phrixus ja auch irgendwann rausfinden, warum ihr dieser Typ wie ein kostbarer Schatz am Herzen liegen soll und sie irgendwann sein ganzes Leid auf sich nehmen wollen sollte. Na dann, universelle Liebe und so. Vielleicht wird’s ja was, wir geben nicht auf. Und bis dahin streiten wir uns einfach nicht und werden eine alte Eiche.
Dies war eure Phrixus, heute für mehr Gleichmut – In Goth We Trust. Peace, Alter. Und so weiter.
Texte:
Dalai Lama: Das Herz aller Religionen ist eins.
Paulo Coelho: Handbuch des Kriegers des Lichts.
Copyright liegt nicht bei mir. Da ich trotzdem die Frechheit besitze, zu zitieren, kann ich nur auf Nachsicht hoffen.
Manchmal reicht ja ein kurzes Wort, ein Tonfall, eine Geste von einem anderen.
Dann überfällt mich der Gedanke, dass wir Menschen uns alle in unserem Alltag uns selbst so wichtig nehmen. Kein Wunder, wir sind ja die Hauptperson im eigenen Leben. Wo wäre ich denn ohne mich? Ohne mich wäre mein Leben unwichtig, weil eben nicht existent. Also denke ich in erster Linie an mich, denke meine Gedanken, fühle meine Gefühle, plane meinen Tagesablauf – und habe mein Bild von mir, sorgfältig konstruiert, das ich in diese Gedanken und Gefühle einbaue, das Ich, für das ich den Tag plane. Und völlig unbesehen gehe ich mal davon aus, dass das bei allen anderen auch so ist. Wir sind alle die Hauptdarsteller im eigenen Film.
Schade, dass wir nicht auch die Hauptdarsteller in allen anderen Filmen sind, nicht wahr? Aber diese Erkenntnis sollte den meisten Erwachsenen irgendwann im Leben einmal kommen. Andererseits, was interessieren einen denn die anderen, denn mal ehrlich und ohne Böses zu wollen, natürlich sind wir uns alle selbst am wichtigsten. Klar, denn ohne mich gäbe es kein Ich, dem andere Leute wichtig sein könnten. Dass man sich selbst wahrnimmt ist die Voraussetzung dafür, alle anderen wahrzunehmen, so scheint’s.
Trotzdem – oder gerade deshalb – reicht manchmal ein fehlplatziertes Wort, ein unpassender Tonfall, eine dahingeschluderte Geste. Und dann fühlt man sich sowas von unbedeutend, klein und nicht wahrgenommen. Wie zur Hölle kann mich jemand nicht mit dem gebührenden Respekt behandeln? Ich bin schließlich wichtig! Ohne mich gäbe es die Welt gar nicht!
Und dann kommt man ins Rotieren, die Gedanken stehen nicht mehr still, man ist auf einmal nicht mehr das Ich, das für das Ich plant, denkt, fühlt – man ist nur noch ein Bündel an verletzten Gefühlen, das unreflektiert in der Gegend rumreagiert. Ich handele nicht mehr, ich bin aus meinem Drehbuch gerissen, das ich doch so sorgfältig erschaffen hatte, ich vergesse meine so gut durchdachte Rolle – ich bin ein unkonzentriertes Nervenbündel, das wieder eine harmonische, kontrollierbare Umgebung haben will. Denn plötzlich erscheint mir die Welt als ein riesiges, unkontrollierbares, sinnloses Chaos, das auf mich einstürzt und in dem ich völlig unwichtig bin und unterzugehen drohe, in dem ich mein Ich nicht länger stabil halten kann und mich verliere… Und mein kleiner Geist ist gelähmt vor Angst, alle möglichen – bei längerem Hinsehen völlig unwichtigen – Dinge zu verlieren. Aber was kann im schlimmsten Fall passieren? Mal ehrlich: Was denn? Und wäre das wirklich schlimm? Nein.
“Unverhofft stellt der Krieger plötzlich fest, daß er ohne die frühere Begeisterung kämpft. Ermacht alles so weiter wie bisher, doch was er tut, kommt ihm sinnlos vor. Da bleibt ihm nur eins: den Guten Kampf weiterzuführen. Er betet – aus Verpflichtung oder aus Angst oder aus welchen Gründen auch immer -, aber er unterbricht seinen Weg nicht. Er weiß, daß der Engel Dessen, der ihm Inspiration gibt, sich nur eine Verschnaufpause gönnt. Der Krieger konzentriert sich ganz auf den Kampf. Er bleibt beharrlich, auch wenn ihm alles sinnlos erscheint. Und alsbald kehrt der Engel wieder, und allein das Rauschen seiner Flügel wird ihm die Freude zurückbringen.”
Die Mormonen sind ja in Marburg mal wieder exzessiv unterwegs. In der Innenstadt, im Bus, überall.
Ich mag Mormonen.
Die tragen so adrette Anzüge, mit ihren putzigen Namensschildern dran und kommen alle aus den USA zum Missionieren her. Und mein dieswöchiger Mormone, Elder Louis (die heißen alle “Elder” mit Vornamen), sah auch echt knackig aus. Diese interessante Kopfform, die man irgendwie als typisch amerikanisch empfindet. So wie Mark Valley.
Gut, Elder Louis hatte nicht so ein nerviges Lächeln. Aber Mormonen auf Mission werden, denke ich, darauf hingewiesen, dass sie nicht wirken sollen, als wollte sie etwas verkaufen. Neinneinneinneinnein. Und anders als die “DÜRFEN WIR MIT IHNEN ÜBER GOTT SPRECHEN???” Zeugen Jehovas beginnen Mormonen solche Gespräche immer mit etwas anderem. Immer. Wahrscheinlich steht das in der Mitgliedsbroschüre “Ungläubige bekehren für Anfänger” oder so. Sie fragen nach dem Weg. Nach Sehenswürdigkeiten – sie sind ja nicht von hier. Elder Louis fragte mich nach dem Schloss und ob man das auch von innen besichtigen könne. (Warum die immer mich ansprechen? Keine Ahnung. Vielleicht sehe ich besonders hübsch aus. Oder besonders ungläubig. Oder ich strahle dieses “Komm schon, kleiner Mormone, trau dich!” aus. Ich nehme auch immer breit lächelnd den “Wachtturm” von den Zeugen an. Ich bin einmal extra ins Kaufhaus gegangen, weil so eine evangelische Organisation gratis Bibeln verteilte – das fand ich sehr nett und hatte gerade keine.)
Jedenfalls fragte mich Elder Louis, ob ich mich ein bisschen auskennen würde, ob ich schon mal in Heidelberg war, da war er ja ein halbes Jahr und man hätte ihm gesagt, dass Marburg noch schöner wäre. Und ob ich mich in der Wetterau auskenne.
DENN IN DER WETTERAU ist ja demnächst ein Kongress seiner Organisation, entschuldigung, ich habe mich gar nicht vorgestellt, und jedenfalls glauben wir, dass Jesus seine Kirche erst in uns fortgesetzt hat und BLA. Ob ich denn religiös sei.
Ja, sagte ich, ich bin Buddhistin.
Oh. (Pause) Ja, da gibt es viele Parallelen, er habe ja auch mal eine Weile Yoga gemacht, wegen einer Verletzung. Im Buddhismus meditiert man viel, nicht wahr? Und es gibt viele Parallelen.
Und da wir sowieso fast an der Endhaltestelle waren, beschränkte ich mich aufs Lächeln und Nicken. Und vor allem gibt es im Buddhismus ein Missionsverbot, dass ich sehr angenehm finde. Ich werde niemals in die Verlegenheit kommen, den einzig wahren Glauben zu haben. Ich verzichtete also darauf, Elder Louis auf seinen Denkfehler bezüglich der “großen Parallelen” aufmerksam zu machen: In der Praxis (Nächstenliebe, Kontemplation etc.) ähneln sich verdammt viele Religionen. Aber bei allen Parallelen könnte ein kleines Detail für Bauchschmerzen sorgen: Als Buddhistin empfinde ich die Existenz oder Nichtexistenz von Gottheiten als irrelevant, verehre keine Götter und behaupte nicht, göttliches Gesetz zu befolgen. Das könnte, verglichen mit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, doch irgendwie ein Störfaktor sein.
Aber das kann Elder Louis mal echt egal sein.
Und vielen, vielen Dank, lieber Elder Louis, für deine ausdrückliche Einladung. Aber ich werde wohl nicht zu eurem Kongress irgendwann irgendwo in der Wetterau auftauchen. Und das ist eigentlich gar nicht so schade. So, wie du aussiehst, findest du bestimmt die eine oder andere, die gern mitkommt.