Table of Random Encounters (3): Der Gandalf-Effekt

Eure Lieblings-Spielleiterin leidet.

(Gut, mit den meisten von euch habe ich noch nie gespielt, aber im Ernst, ich leite einfach awesome. Aber genug von meinen verzweifelten Versuchen, mich selbst aufzuheitern.)

Und zwar leide ich an etwas, das ich von nun an den Gandalf-Effekt nennen möchte. Kann sich jemand vorstellen, was das ist?

Fangen wir mal so an: Gandalf ist ziemlich alt und scheint den totalen Überblick zu haben. Er kann alles, fädelt alles ein, kennt jeden, ist überall, jeder kennt ihn und überhaupt. Ist doch so, oder? Oder? Gandalf gilt vielen Fans als Canon Sue, also die nicht-fanfic Version der Mary Sue. Gandalf ist zu krass, und wären wir in einem Rollenspiel, ich hörte schon die Zilliarden von RPG-Forennutzern schreien: imba!!! Das geht nicht, der kann zu viel! Was wohl auch der Grund für den jedem Dork Tower-Fan bekannten I KILL GANDALF!-Effekt sein könnte.

Und das ist, worunter ich leide, oder besser: eine ansehnliche Menge meiner NSC. Meine Spieler halten sie für zu mächtig, zu krass, zu cool. Daraus wird mir nie ein direkter Vorwurf gemacht, aber einige (nicht alle) meine Spieler haben bei verschiedenen NSC das “untrügliche” Gefühl, dieser könnte sie mit einem Blick pulverisieren. Oder er würde ihnen die Schau stehlen, da er im Notfall alles könnte, was sie können, und das auch noch alles gleichzeitig, rückwärts, jonglierend, auf einem Bein stehend und singend. Und nun kommen wir zum Gandalf-Effekt. Auch dieser wird Dork Tower-Fans bekannt sein:

Was genau kann Gandalf eigentlich? Was tut er tatsächlich im Roman? Bitte genau nachlesen.

  • Er kann Licht machen.
  • Er kann hübsches Feuerwerk.
  • Er kann mit Motten und Pferden reden.

Eventuell kann er Balrogs aufhalten, indem er sie anschreit, aber ich persönlich denke, auch das ist dem oben beschriebenen Effekt geschuldet, dem der Balrog selbst ebenfalls unterliegt und plötzlich einfach unsicher wird.

Und was kann Gandalf nicht?

  • Rechtzeitig den Einen Ring erkennen.
  • Sich nicht von Saruman den Hintern versohlen lassen.
  • Schnee schmelzen lassen (nicht mal ein simpler Feuerball, Freunde!).
  • Offensichtliche Rätsel lösen, die sogar ein dümmlicher Hobbit schafft.

Ja. So ist das. Kann Gandalf alles? Nein. Nicht mal Schnee schmelzen. Wie – WIE kommt es dann, dass alle ihn als Canon Sue sehen?! Ich weiß es nicht.

Einen großen Teil meiner Freizeit verbringe ich also damit, meinen Spielern zu versichern, dass keiner dieser verfluchten NSC unbesiegbar sei und sie mit ein bisschen Nachdenken jedem von ihnen den Arsch waschen könnten. Und dass sie es lassen sollten, denn welchen Grund hätte ihr Charakter, außer dem offensichtlichen Hass des Spielers auf Elfen, Magier, Tzimisce, Malkavianer, (beliebigen Stereotyp einfügen), oder generell eben Mary Sues? Letzterer ist durchaus verständlich, aber die Zeit, die ich aufwende, um Spielern klar zu machen, dass sie damit bei meinen NSC lauter Gandalfs sehen, erscheint mir in letzter Zeit immer und immer mehr zu werden.

Befürchten die Spieler berechtigterweise, dass ich mich mit meinen NSC nur selbst bespaßen könnte, dass ich quasi mit mir selbst spiele und Spieler zu Zuschauern degradiere? Zum einen muss ich da einwerfen, dass es bei mir mit dem Servicegedanken nicht so weit her ist, dass ich mich aufopfernd von meinem eigenen Spaß verabschiede – ansonsten würde ich gerne nach Stunden bezahlt werden. Ich lasse nicht “meinen Charakter” mit der Runde mitlaufen, wie es (Un)Sitte in manchen Runden ist, aber ich mag eben auch bestimmte Aspekte am Spiel, die ich erleben möchte und deshalb einbringe. Aber ich denke, das ist hier nicht der Grund und muss nicht diskutiert werden, da meine Spieler bisher dafür immer Verständnis aufbrachten.

Sind Spieler vielleicht einfach nicht daran gewöhnt, auf NSCs zu treffen, die eloquenter sind als Goblins? Die man besiegen könnte, aber man vorher eben mehr geistige Anstrengung auf echtes Rollenspiel als auf die Erschaffung überlegener Feuerkraft verwenden müsste? Ich weiß es nicht. Komischerweise zeigen diejenigen Spieler, die bei mir mit dem Rollenspiel überhaupt erst angefangen haben, die Auswirkungen dieses Effekts nicht. Was natürlich Zufall sein könnte.

Und in einem Rollenspielsystem, das Stufenanstiege oder andere Verbesserungen des Charakters erlaubt, müssen die ganzen hochstufigen NSC ja auch irgendwo hin. Ich bezweifle, dass sie sich in höhere Sphären zurückziehen, die Geschicke der Welt lenken und nur noch mit ihresgleichen sprechen, wenn sie nicht gerade gegen Götter und Dämonen antreten, während die Charaktere immer für irgendwen die Fußabtreter bleiben. (Gut, bei D&D könnte man das denken. Aber nicht in meinen Spielen.)

Ja, ich höre schon die Vermutung, ich würde meine NSC einfach nicht gut darstellen. Dass ich vielleicht nicht genügend Schwächen einbaue oder zeige. Dass sie zu oft und zu krass auftauchen. Dass ich sie als zu eloquent darstelle, oder dass Spieler selbst bei simpelsten Sachen keine Erfolge gegen sie hätten oder dass ich sie eben als zu freundlich / nicht freundlich genug / zu schlau / zu hübsch / zu hässlich / zu blabla beschreibe. Herrje, meint ihr, das hätte ich mich nicht auch schon gefragt und alles ausprobiert?! Nein, sobald ein NSC eine seltsame Augenfarbe hat, tatsächlich einige hochstufige Fähigkeiten zeigt, bei anderen NSC bekannt ist oder – worst case! – sein Name in irgendeinem dem Spieler bekannten Zusammenhang schonmal aufgetaucht ist, er z.B. eine Nebenfigut in einem Roman ist, oder in sich in irgendeinem Forum irgendwer schonmal über die Krassheit des NSC verbreitet hat (beispielsweise irgendeine Plotline oder Attribute und Fähigkeiten gespoilt hat, kann man eigentlich als Spielleiter vergessen, diesen NSC noch irgendwo sinnvoll einzubauen. Es ist, als würde man einen Elfen namens Legolas auftauchen lassen. HASS!!! schlägt ihm entgegen, im besten Fall großzügiges aber demonstratives Desinteresse. Und mir als Spielleiter die pure Verzweiflung meiner Spieler über ihre unbegründete Angst und Unmut darüber, plötzlich nicht mehr die größte Awesomeness im Raum gepachtet zu haben. Und das, bevor man auch nur ein weiteres Wort gesagt hat.

Ich bin ratlos.

ian mckellen and elijah wood
see more Lol Celebs

Ein letztes Wort noch: Helden (ob im literaturwissenschaftlichen oder mythischen Sinne) definieren sich sicher nicht dadurch, dass sie sich körperlich und geistig nur mit Schwächeren messen und generell nur von Fußvolk umgeben sind. Oder von Gleichstarken. Nein, komischerweise sind Helden immer die, die  (metaphorisch)  den Göttern von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten wollen. Und das macht sie größer als die Masse.

Wer kann mir weiterhelfen?

Eure Phrixus, moon-struck

Table of Random Encounters (2): Talk nerdy to me!

Und da gerade Geek Girl Weeks sind, ist es auch nur passend, hier einige Freunde vorzustellen. Oder zumindest einige ihrer Stilblüten. Denn ja, so weit sind diese ganzen Sitcoms gar nicht von der Realität weg, zumindest was den Spaß angeht. Und noch passender, da ich einer dieser so seltenen weiblichen Spielleiter bin, und das mit durchschlagendem Erfolg (hähä…). Ich werde nun übrigens keine weiteren Erklärungen abgeben, was Rollenspiele sind oder so. Erklärte Witze sind sowieso nicht mehr witzig.

Dark Ages: Vampire
(Transsylvanische Chroniken III)

(Die Toreador Leonora bietet dem Lasombra Ramon an, seine Tonsur dauerhaft zu korrigieren)
Ramon Marquez: Mit dem komischen Fleischformen will ich nix zu tun haben!
Leonora de Maron: Ich form doch nur Haare, kein Fleisch.

(Ramon hat eine prima Idee vor Antritt der Reise zu Draculas Schloss…)
Ramon: Am besten sagen wir niemandem, wo wir sind…

(…und revidiert sie zum Glück.)
…ach, der Beckett weiß Bescheid, der muss nämlich meine Blumen gießen.

(Spielleiter-Vorschlag zur Reiseplanung)
SL: Ihr könntet auf halber Strecke bei Vykos einkehren…
Konrad von Aachen: Ja, ich kann mir auch mal n Klavier vorn Bauch binden, dann weiß ich, wie schwer die Musik ist!

Earthdawn
(Meine alte Liebe und unser neuestes System!)

SL: Du siehst in einiger Entfernung einen kleinen Hügel, der mit Efeu überwuchert ist. Das kommt dir seltsam vor.
Kestrael: Guck mal, der kleine Hügel dahinten.
Rhakhmar: Der so mit Efeu überwuchert ist?
Palenyon: Das ist ja seltsam.
SL: Ihr Arschlöcher.

(Rhakhmar fallen zufällig am Oberkörper eines Elfen ‘gewisse’ Spuren auf. Blankes Entsetzen macht sich breit.)
Rhakhmar: …Die ficken!
Marta: Na, wenn er das sagt, kann das ja wieder alles bedeuten.
Rhakhmar: DIE SCHLAFEN MITEINANDER!

(Rhakhmar wird auf eine Menge feiernde Windlinge aufmerksam)
Rhakhmar: Da passiert irgendwas mit Rudelbumsen.

Aber auch im RL…
(Da ist Ramon Marquez nämlich Fürchtegott Kannegießer, unser Teilchenphysiker)

Phrixusmann: Will ein Neutron in die Disko, da sagt der Türsteher: ‘Du kommst hier net rein. Nur geladene Gäste.’
Fürchtegott: Das Interessante ist ja, dass ein Neutron keine Ladung hat, aber ein magnetisches Moment.
Phrixus und Phrixusmann: Aha…
Fürchtegott: Euch scheint die Tragweite gar nicht bewusst zu sein!

Als Zugabe gewähre ich einen kleinen Einblick in einen klassischen nerdigen Sonntagnachmittag – Grillen und Munchkin Cthulhu. In diesem Bild zu sehen sind drei meiner vier Lieblingsvampire (an dieser Stelle viele Küsse nach Italien, wir vermissen deinen Wahnsinn!), von links: Konrad von Aachen von Clan Ventrue (und Phrixusmann), Leonora de Maron von Clan Toreador und Ramon Marquez von Clan Lasombra.

Sollte euch diese kleine Zusammenstellung typischer Nerd-Kuriositäten Freude gemacht haben, lasst es mich wissen! Dann kann ich sicherlich mit mehr davon aufwarten.

Table of Random Encounters (1): Kurze Abenteuer. Nein, noch kürzer.

Endlich haben meine Referendare Zeit. Zumindest zwei. Schon komisch, dass man jetzt wieder bis zu den Ferien warten muss, damit man mit seinen Freunden was unternehmen kann… Jedenfalls steigt jetzt endlich (und ziemlich spontan) Earthdawn, sodass meine beiden schnieken neuen Regelwerke eingeweiht werden können. (Liebste madita, falls du das liest: Für dich gibt es auch noch eine Runde!)

Und da die Damen und Herren Referendare vermutlich auch erst in den nächsten Ferien wieder Zeit haben – passt ganz gut, schließlich leite/spiele ich noch in vier weiteren Runden – muss ich etwas vorbereiten, das an einem Abend spielbar ist. Und trotzdem spannend. Und komplex genug. Und typsich für Earthdawn, um eine gute Atmosphäre zu vermitteln. Wahrscheinlich sind wieder mal meine Ansprüche zu hoch und am Ende lästern die beiden Herren doch nur den ganzen Abend über Elfen. Oder wir brauchen drei Stunden, um mit den Kampfregeln zu Rande zu kommen.

Papperlapapp. Jedenfalls habe ich ernsthafte Probleme, einen guten Plot für einen Abend hinzukriegen. Kurze Spiele sind nicht so ganz meine Sache, eher jahrelange, epische Kampagnen. Die Earthdawn-Publikationen sind ja auch nicht so wirklich hilfreich mit ihren dreieinhalb Abenteuervorschlägen. Hilfreicher sind da die Folianten des Abenteuers, reine Fanprojekte und sehr liebevoll ausgestaltet (gibt’s hier).

Aber was mich letztendlich vom Hocker gerissen hat, war “The Big List of RPG Plots” von S. John Ross. Archetypische Plots, die wir alle schonmal erlebt oder geleitet haben – und das macht sie nicht schlecht, sondern beweist, dass man für ein gutes Abenteuer keinen Machiavelli braucht. Eher im Gegenteil, wenn ich an die gelegentliche Frustration in meiner Vampire-Runde denke (hey, wer hat gesagt, die Transsylvanischen Chroniken wären einfach?). Und wer sich langfristig weiterbilden will, dem sei der “Johnn’s Roleplaying Tips Weekly“-Newsletter ans Herz gelegt.

Lesen hier andere Spielleiter/Erzähler/Gamemaster und wasweißich mit? (Das klingt schon fast nach Bachelor-Studiengängen, oder?) Wie handhabt ihr kurze Plots, was macht ihr, wenn ihr nur einen Abend zum Spielen habt? Ich freu mich über Kommentare!

Übrigens: “Table of Random Encounters” wird eine mehr oder weniger regelmäßige Kolumne zu Rollenspiel-Themen. Nur, falls sich jemand gefragt hat.

P.S.: Ich wurde bereits gerügt, dass hier und in meinem Fotoblog nichts mehr passiert. Wenn mir mein Fotoblog eines gezeigt hat, dann dass es mit meiner Selbstdisziplin nicht ganz so weit her ist, wenn es um Fotos geht. Sieben in der Woche geht ja, aber jeden Tag eins? Naja. Ich arbeite weiter dran. Übrigens hat mein Notebook einen Wackelkontakt. Sucks. Ich gelobe, in den kurzen Zeiten, in denen das Ding funktioniert für mehr Stimmung hier und in der Bildergalerie zu sorgen.