Eure Lieblings-Spielleiterin leidet.
(Gut, mit den meisten von euch habe ich noch nie gespielt, aber im Ernst, ich leite einfach awesome. Aber genug von meinen verzweifelten Versuchen, mich selbst aufzuheitern.)
Und zwar leide ich an etwas, das ich von nun an den Gandalf-Effekt nennen möchte. Kann sich jemand vorstellen, was das ist?
Fangen wir mal so an: Gandalf ist ziemlich alt und scheint den totalen Überblick zu haben. Er kann alles, fädelt alles ein, kennt jeden, ist überall, jeder kennt ihn und überhaupt. Ist doch so, oder? Oder? Gandalf gilt vielen Fans als Canon Sue, also die nicht-fanfic Version der Mary Sue. Gandalf ist zu krass, und wären wir in einem Rollenspiel, ich hörte schon die Zilliarden von RPG-Forennutzern schreien: imba!!! Das geht nicht, der kann zu viel! Was wohl auch der Grund für den jedem Dork Tower-Fan bekannten I KILL GANDALF!-Effekt sein könnte.
Und das ist, worunter ich leide, oder besser: eine ansehnliche Menge meiner NSC. Meine Spieler halten sie für zu mächtig, zu krass, zu cool. Daraus wird mir nie ein direkter Vorwurf gemacht, aber einige (nicht alle) meine Spieler haben bei verschiedenen NSC das “untrügliche” Gefühl, dieser könnte sie mit einem Blick pulverisieren. Oder er würde ihnen die Schau stehlen, da er im Notfall alles könnte, was sie können, und das auch noch alles gleichzeitig, rückwärts, jonglierend, auf einem Bein stehend und singend. Und nun kommen wir zum Gandalf-Effekt. Auch dieser wird Dork Tower-Fans bekannt sein:
Was genau kann Gandalf eigentlich? Was tut er tatsächlich im Roman? Bitte genau nachlesen.
- Er kann Licht machen.
- Er kann hübsches Feuerwerk.
- Er kann mit Motten und Pferden reden.
Eventuell kann er Balrogs aufhalten, indem er sie anschreit, aber ich persönlich denke, auch das ist dem oben beschriebenen Effekt geschuldet, dem der Balrog selbst ebenfalls unterliegt und plötzlich einfach unsicher wird.
Und was kann Gandalf nicht?
- Rechtzeitig den Einen Ring erkennen.
- Sich nicht von Saruman den Hintern versohlen lassen.
- Schnee schmelzen lassen (nicht mal ein simpler Feuerball, Freunde!).
- Offensichtliche Rätsel lösen, die sogar ein dümmlicher Hobbit schafft.
Ja. So ist das. Kann Gandalf alles? Nein. Nicht mal Schnee schmelzen. Wie – WIE kommt es dann, dass alle ihn als Canon Sue sehen?! Ich weiß es nicht.
Einen großen Teil meiner Freizeit verbringe ich also damit, meinen Spielern zu versichern, dass keiner dieser verfluchten NSC unbesiegbar sei und sie mit ein bisschen Nachdenken jedem von ihnen den Arsch waschen könnten. Und dass sie es lassen sollten, denn welchen Grund hätte ihr Charakter, außer dem offensichtlichen Hass des Spielers auf Elfen, Magier, Tzimisce, Malkavianer, (beliebigen Stereotyp einfügen), oder generell eben Mary Sues? Letzterer ist durchaus verständlich, aber die Zeit, die ich aufwende, um Spielern klar zu machen, dass sie damit bei meinen NSC lauter Gandalfs sehen, erscheint mir in letzter Zeit immer und immer mehr zu werden.
Befürchten die Spieler berechtigterweise, dass ich mich mit meinen NSC nur selbst bespaßen könnte, dass ich quasi mit mir selbst spiele und Spieler zu Zuschauern degradiere? Zum einen muss ich da einwerfen, dass es bei mir mit dem Servicegedanken nicht so weit her ist, dass ich mich aufopfernd von meinem eigenen Spaß verabschiede – ansonsten würde ich gerne nach Stunden bezahlt werden. Ich lasse nicht “meinen Charakter” mit der Runde mitlaufen, wie es (Un)Sitte in manchen Runden ist, aber ich mag eben auch bestimmte Aspekte am Spiel, die ich erleben möchte und deshalb einbringe. Aber ich denke, das ist hier nicht der Grund und muss nicht diskutiert werden, da meine Spieler bisher dafür immer Verständnis aufbrachten.
Sind Spieler vielleicht einfach nicht daran gewöhnt, auf NSCs zu treffen, die eloquenter sind als Goblins? Die man besiegen könnte, aber man vorher eben mehr geistige Anstrengung auf echtes Rollenspiel als auf die Erschaffung überlegener Feuerkraft verwenden müsste? Ich weiß es nicht. Komischerweise zeigen diejenigen Spieler, die bei mir mit dem Rollenspiel überhaupt erst angefangen haben, die Auswirkungen dieses Effekts nicht. Was natürlich Zufall sein könnte.
Und in einem Rollenspielsystem, das Stufenanstiege oder andere Verbesserungen des Charakters erlaubt, müssen die ganzen hochstufigen NSC ja auch irgendwo hin. Ich bezweifle, dass sie sich in höhere Sphären zurückziehen, die Geschicke der Welt lenken und nur noch mit ihresgleichen sprechen, wenn sie nicht gerade gegen Götter und Dämonen antreten, während die Charaktere immer für irgendwen die Fußabtreter bleiben. (Gut, bei D&D könnte man das denken. Aber nicht in meinen Spielen.)
Ja, ich höre schon die Vermutung, ich würde meine NSC einfach nicht gut darstellen. Dass ich vielleicht nicht genügend Schwächen einbaue oder zeige. Dass sie zu oft und zu krass auftauchen. Dass ich sie als zu eloquent darstelle, oder dass Spieler selbst bei simpelsten Sachen keine Erfolge gegen sie hätten oder dass ich sie eben als zu freundlich / nicht freundlich genug / zu schlau / zu hübsch / zu hässlich / zu blabla beschreibe. Herrje, meint ihr, das hätte ich mich nicht auch schon gefragt und alles ausprobiert?! Nein, sobald ein NSC eine seltsame Augenfarbe hat, tatsächlich einige hochstufige Fähigkeiten zeigt, bei anderen NSC bekannt ist oder – worst case! – sein Name in irgendeinem dem Spieler bekannten Zusammenhang schonmal aufgetaucht ist, er z.B. eine Nebenfigut in einem Roman ist, oder in sich in irgendeinem Forum irgendwer schonmal über die Krassheit des NSC verbreitet hat (beispielsweise irgendeine Plotline oder Attribute und Fähigkeiten gespoilt hat, kann man eigentlich als Spielleiter vergessen, diesen NSC noch irgendwo sinnvoll einzubauen. Es ist, als würde man einen Elfen namens Legolas auftauchen lassen. HASS!!! schlägt ihm entgegen, im besten Fall großzügiges aber demonstratives Desinteresse. Und mir als Spielleiter die pure Verzweiflung meiner Spieler über ihre unbegründete Angst und Unmut darüber, plötzlich nicht mehr die größte Awesomeness im Raum gepachtet zu haben. Und das, bevor man auch nur ein weiteres Wort gesagt hat.
Ich bin ratlos.

see more Lol Celebs
Ein letztes Wort noch: Helden (ob im literaturwissenschaftlichen oder mythischen Sinne) definieren sich sicher nicht dadurch, dass sie sich körperlich und geistig nur mit Schwächeren messen und generell nur von Fußvolk umgeben sind. Oder von Gleichstarken. Nein, komischerweise sind Helden immer die, die (metaphorisch) den Göttern von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten wollen. Und das macht sie größer als die Masse.
Wer kann mir weiterhelfen?
Eure Phrixus, moon-struck
