Tiere essen

Liebe Leserschaft,

heute ist Weltvegetariertag.

Wer es noch nicht weiß: Ich bin Vegetarierin. Aus Gründen.

Und den heutigen Tag möchte ich nutzen, um euch mal ins Essen zu reden, was ich normalerweise nicht tue. Ich verlange von niemandem, generell kein Fleisch mehr zu essen. Aber ich verlange von jedem Menschen, von jedem von euch, genauer: von dir, dass du ethisch handelst. Dass du dich informierst und dann eine informierte und ethisch vertretbare Entscheidung triffst. Kein “Mir doch egal”, kein “Na und, ich kann doch damit leben”, sondern ethisch vertretbar gegenüber der gesamten Menschheit, und vertretbar gegenüber deinem eigenen zukünftigen Ich, das ebenso wie wir alle die Folgen deines jetzigen Handelns tragen wird.

Kein Weggucken jetzt, kein “Es schmeckt doch gut, egal wo es herkommt”, kein Sich-nicht-verantwortlich-fühlen, kein “Welchen Unterschied macht denn meine Haltung?” Du bist verantwortlich, also triff eine Entscheidung, wie du weiterhin mit Tieren und ihrem Fleisch umgehen willst. Es gibt nicht nur eine akzeptable Lösung. Aber wie auch immer deine Entscheidung aussieht, ich will, dass du sie ethisch begründen und rechtfertigen kannst.

Es geht dabei selbstverständlich nicht nur um Tiere, sondern generell um dein Konsumverhalten, um das, was du kaufst und isst.

Empfohlener Einstieg: Ein Buch voller Geschichten, die sich die Menschen gegenseitig übers Essen erzählen und der Geschichte, die Jonathan Safran Foer (bekannt für “Alles ist erleuchtet”) seinen Kindern stattdessen lieber erzählen will. Was ist Fleisch? Wo kommt es her? Ist es wichtig, wie wir Tiere behandeln?

Wenn Sie mich also fragen, ob ich das Töten von Tieren falsch oder richtig finde, wüsste ich nicht mal genau, was antworten. Was ich aber genau weiß, ist, dass es falsch ist, was wir derzeit machen. Dass es für die Umwelt schlimm ist und für die Tiere. Dazu braucht man kein Experte zu sein, kein Tierarzt oder Philosoph oder Theologe. (auf zeit.de)

(Hier ein langes, ganz hervorragendes und hier ein kurzes Interview mit dem Autor.)

Jonathan Safran Foer: Tiere essen

So viel erstmal dazu, und guten Appetit wünscht
eure Phrixus

Moby Dick, du schwimmendes Gehirn im schwarzen Pulli…

Und er bürdete dem Buckel des weißen Wals die Summe der Wut und des Hasses der ganzen Menschheit auf.

Mal ehrlich, wenn man studiert hat, kann man sich natürlich in Strickjacke und schwarzem Rollkragenpolluver hinsetzen und sich bei einem Glas Rotwein gegenseitig erzählen, wie vielschichtig die Bedeutungsebenen diverser Romane sind. Man kann über Philosophie sprechen und Soziologie und “die Gesellschaft” und “das System” analysieren. Man kann sich darüber unterhalten, dass man ja eigentlich kein Fernsehen schaut, sondern eher mal Kant liest, oder Chomsky. Achja, die Werke zur Universalgrammatik, oder eher die Globalisierungskritik?

Kann man machen. Wir hatten aber unsere Rollkragenpullover nicht dabei.

Abends. Ein Café in einer malerischen Altstadt. Vor uns zwei heiße Schokoladen.

“Mann, das zog sich ja so hin, das Scheißbuch. Und ich denk ja, am Schluss kriegt der Scheißwal endlich mal die Platte! Nix gibt’s! Der stirbt ja nichtmal! Alle anderen sterben! Nur der Ismael, der schafft’s. Das sind mit Sicherheit wieder so ganz viele Schichten und Ebenen, die ich nicht verstehe, weil ich wieder nur die Oberfläche raffe, echt.” Ihre blauen Augen blitzen wütend.

“Naja, das alles soll ja sagen, dass Rache sinnlos ist und dich nur selbst in den Untergang treibt und alle anderen mit dir. So viel weiß ich zumindest ohne das Buch gelesen zu haben.” So viel weiß ich zumindest durch Star Trek: First Contact. Danke, Captain Picard. Wieder einmal lässt du mich gebildeter wirken als ich bin.

“Das soll das bedeuten? Kannste mal sehen.”

“Und zum Beispiel ist ja auch eine Deutung die homosexuelle Ebene.”

“Was?! …Na gut, am Anfang schlafen alle zusammen im Bett und so.” Sie streicht sich das Haar aus dem hübschen Gesicht, nimmt noch einen Schluck heiße Schokolade und wechselt gedanklich wieder zum Erzählstrang. “Aber da kommt so ein Bekloppter vor! Also eigentlich drei. Und der erste an Land, der kommt auf die zu und lässt die ganze Zeit finstere Prophezeiungen los und ich hatte dermaßen Schiss beim Lesen! Ich hab gedacht, hoffentlich taucht der nicht nochmal auf! Naja, eigentlich dachte ich, wär cool, wenn der nochmal auftauchen würde. Und der Wal, der ist intelligent, praktisch ein schwimmendes Gehirn, und richtig bösartig.”

“Am liebsten würde ich das alles aufnehmen und veröffentlichen.”

“Was? Warum das denn?”

“Na, das ist mal Moby Dick für Nicht-Literaturwissenschaftler.”

“Klar, Mann!”

Moby Dick
see more Ugliest Tattoos

Übrigens: Der Wolf schreibt über Moby Dick. Der schwarze Rollkragenpulli ist sein Schafspelz. Und hat meistens noch ein paar sexy nackte Damen parat, was ich nur gutheißen kann.

Kurz in den leeren Raum geworfen. Und fast eine Rezension.

Seit die WM begonnen hat, habe ich den Balkon neu bepflanzt, die Küche geputzt, fast zwei Bücher gelesen und eine Menge unnützes und nützliches Zeug getan.

Gestern war hingegen so gar nicht mein Tag. Das Frühstück war irgendwie nicht so. Das hätte mir schon Warnung sein sollen. Das Tofuschnitzel mit Spinat, das ich mir zu Mittag gekauft habe, bestand nur aus panierter Pampe gefüllt mit andersfarbiger Pampe und hat erbärmlich gescheckt. Meinem putzigen kleinen Lieblingsschüler im Nachhilfeinstitut habe ich als Tagesbewertung nur einen Punkt gegeben, das ist so ungefähr eine Sechs. Und einer von den kleinen Fratzen hat die ganze Zeit während des Unterrichts gepupst. Gehört hat man nichts, aber gerochen. Meine Güte.

Inzwischen steht draußen ein bleicher Mond am Himmel, so ein halbgarer, der nicht halb ist und nicht voll. Mir kommt ein denkbar dummer Witz, und zwar, dass man die pseudophilosophische Frage nach Optimismus oder Pessimismus mal umformulieren müsste für Bekloppte wie mich: Was denken Sie, ist der Mond für Sie halbvoll oder halbvoll? Meine Güte.

Ich möchte alldem nur noch hinzufügen, dass man nicht eine gesamte Woche damit zubringen sollte, Haruki Murakamis Roman “Tanz mit dem Schafsmann” zu lesen, wenn man dazu neigt, automatisch Stile zu kopieren. Ich denke die ganz Zeit nur noch in vorgeblich bedeutungsschwangeren Halbsätzen und Empfindungs- und Naturbeschreibungen. Das Buch verliert nach der hundertsten Seite irgendwie an Fahrt, aber man bleibt dran, weil man wissen möchte, ob die restlichen dreihundert vielleicht doch einen Sinn haben. Und das ganze Leben bekommt einen irgendwie kafkaesken Anstrich, obwohl in diesem Buch für Murakamis Verhältnisse nichts Seltsames passiert. Ich lese dann mal weiter. Der Held begegnet jetzt dem talentlosen Schriftsteller Huraki Makimura. Allein dafür sollte man das Buch wegwerfen. Und man bekommt bei Murakami den Eindruck, dass Japaner die ganze Zeit Sex haben, freundlich und unverbindlich. Meine Güte. Die Realität und ich, wir sind momentan nicht die besten Freunde. Vielleicht liegt das auch an den Vuvuzelas, möglicherweise reagiert mein Unterbewusstsein auf die Frequenz und schäumt über. So wie Flaschenbier auf Schallwellen reagiert.

Wenn ich das Buch durch habe und mich dann noch auf dieser Existenzebene befinde, dann melde ich mich wieder und berichte. Ob es sich doch lohnt. Ob außer Sinnkrise, casual sex und Unmengen Brandy, Wodka und Whisky, welche die Protagonisten Abend für Abend runterkippen, noch irgendwas passiert. Auf den 500 Seiten voller abgehackter Sätze.

Ein bisschen mehr Optimismus, verfluchte Scheiße!

Zu “Gelobt sei die Krankheit.”

Ich muss jetzt irgendwas lustiges posten, sonst werde ich ganz einfach verrückt.

Ich denke sogar ernsthaft übers twittern nach (um die Welt permanent mit meinen Gedanken zu belästigen und mir ist grad auch egal, ob ich irgendwie wichtig bin oder nicht. Diese ganzen “Celebrities” sind auch nur Menschen und genauso wichtig/unwichtg und posten da auch nur, was ihnen grad einfällt.) und darüber ob ich auch ein Buch über den Jakobsweg schreibe. Oder ich nenne es einfach irgendwie mit “Jakobsweg”, dann verkauft es sich gut. Habe jetzt – entgegen aller guten Vorsätze, ganz fleißig an meiner Magisterarbeit zu schreiben (das geht gerade nicht richtig in meinen Kopf) und “Nachtzug nach Lissabon” fertig zu lesen und danach “Lycidas” und danach “Nosferas”, jetzt doch erst “Glück kommt selten allein” vom Doktor Hirschhausen gelesen und sitze jetzt tatsächlich an Hape Kerkelings “Ich bin dann mal weg”. Alles so ‘ne Lebenshilfe-Literatur, aber schön, insbesondere jetzt grade. Aber ich komme ins Schwafeln. Zum Lustigen: Suchbegriffe dieser Woche.

Neben den Klassikern “schwule türken”, “girls pinkeln”, “emma watsen nackt”, “hedge leather”, “bumsgeschichten”, “studivz schlampen”, “schminkanleitung zombie” und “taschentuch essen” gab es auch einige, die wie ein Wink des Schicksals wirken, beispielsweise “warum sind manche menschen doof?” (ich dachte, alle Menschen wären doof), “geh mir aus der sonne”, “du stinkst dann scheiße bis zum geht nimmer” oder “kojotischer sport” (vermutlich ist Fernsehen gemeint) – und dazwischen ein optimistisch-motivierender:

“sie fickt und lebt”.

Man soll sich an den simplen Dingen freuen, Bedürfnislosigkeit, ein bisschen mehr Epikur, ihr lieben Leute! Weniger Dramatik, Buddha ist schließlich auch an einer öden Lebensmittelvergiftung gestorben. Passiert also den Besten. Gut, Ficken ist kurz nach einer Operation an der Gebärmutter nicht erlaubt, aber abgesehen davon ist das eine wunderbare Definition für den Rest des Daseins. Sie fickt und lebt. Was will man mehr?

Dieses wunderbare Motto bringt mich dann auch zum Optimismus-Overkill. Sollte man sich bei schlechter Laune ganz schnell als Desktop-Hintergrund einrichten und die eigene Position in Sekundenschnelle davon relativieren lassen. Schlimmer geht’s immer.

Amy Winehouse
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Was noch mehr Lesestoff angeht: Heute sind bei mir “Das Antikrebs-Buch” und “Krebszellen mögen keine Himbeeren” eingetroffen. Ich brauche einfach das Gefühl, dass ich zumindest versuchen kann, aktiv an meiner Situation etwas zu ändern. Vorzubeugen. Wenn die Ärzte eine Hysterektomie als unvermeidbar und höchstens durch weitere Operationen aufschiebbar darstellen, muss ich das noch lange nicht hinnehmen.  Auch wenn ich noch keinen Krebs habe, kann ich selbstständig die Bedingungen für ihn verschlechtern, indem ich meinen Lebenswandel verbessere. Das ist keine Garantie für irgendwas – aber ich habe dann wenigstens alles getan, was tatsächlich in meiner Macht stand. Ich will mich mit diesen Gedanken auseinander setzen und ich will das zu einem Teil meines Lebens machen, denn von Wegschieben und Nichtstun und AugenzuundDeckeübernKopf wird NICHTS besser. Also muss ich eben noch mehr verändern, muss aufpassen und bewusst leben. Und dann komme, was wolle. Dann kann ich allen Ernstes sagen, es lag nicht in meiner Macht, oder der von irgendjemandem. Wenn jetzt jemand denkt, ich übertreibe, ich hab ja gar keinen Krebs, dem kann ich nur sagen: Fick dich. Mehr nicht.

Kennt eigentlich irgendwer “Taran und der Zauberkessel”? Nein? Dachte ich mir.

Wer aber ein bisschen Lust hat auf einen Fantasy-Film, basierend auf einer Jugenbuchreihe, wiederum basierend auf walisischer Mythologie, der sollte sich mal diesen (womöglich zu Unrecht) zu den unbekanntesten und geflopptesten zählenden Disney-Zeichentrickfilm ansehen. Läuft grad auf Super RTL, deshalb. Ist auch erst ab 6 Jahren freigegeben, weil dann doch zu gruselig für die ganz Kleinen.

Eine Auffälligkeit: Man merkt ja doch nach einer Weile, dass sich die Charaktere in den verschiedenen Disney-Filmen sehr arg ähneln, manchmal sogar ganz dreist voneinander abgepaust sind. Naja, wer die Gummibären guckt, dem wird äußerlich einiges in “Taran und der Zauberkessel” bekannt vorkommen.

Jedenfalls werde ich bei Gelegenheit mal “Die Chroniken von Prydain” anschaffen und lesen. Wenn die schon in einem Atemzug mit den “Chroniken von Narnia” genannt werden und dazu (für mich großer Pluspunkt gegenüber Narnia) nicht soviel christliche Symbolik, dafür mehr traditionelle walisische Elemente – und diesen putzigen Kerl namens Gurgi – enthalten, dann sollte sich das doch lohnen.

Ungeschriebene Geschichten und Klosteine

Wat könnt’ isch wieder jammern!

Im Dschungelcamp ist die doofe Giulia gemein zu meiner weltbesten Ingrid, meine Anmeldung zur Magisterarbeit könnte komplizierter nicht sein – ein Prüfer liegt mit Beinbruch daheim, der andere ist emeritiert und besucht die Uni nur einmal im Monat… das nächste Mal nach Ablauf der Anmeldefrist – und wenn ich mir den ersten Teil des Satzes so ansehe, weiß ich echt nicht, ob ich zur Prüfung zugelassen werden sollte! Man kann sich ja lang als Akademiker verkaufen, aber beim Dschungelcamp hört es ja eigentlich auch irgendwie auf. Nun ja. Wird alles schon irgendwie.

Ich möchte eigentlich auch über zwei neue, positive Konstanten in meinem kleinen Leben berichten. Erstens: Mein Klostein. Ich habe in Mister Happy getauft, weil er so schön lächelt, und er macht, dass das Bad nach Kaugummi riecht. Das ist einer der größten Wünsche in meinem Leben gewesen, einen netten, wohlriechenden Klostein zu haben, ehrlich. Jetzt habe ich Mister Happy, und das macht mich glücklich. Oh, und er ist pink. Alles in allem: Mein erfüllter Traum der angenehmen Toilettenkultur.

Die zweite neue Konstante ist ein kleiner aber feiner Literaturkreis, so richtig mit Klassiker lesen und Rotwein. Vielleicht habe ich doch noch Aussicht auf klassisches Akademikertum, ich habe auch schon über die Anschaffung eines karierten Pullunders nachgedacht. Jedenfalls sind wir drei Studentinnen, die nun seit drei Wochen ziemlich erfolgreich so tun, als wären wir schlau und niveauvoll und kreativ. Nach so ein Traum, der sich erfüllt hat. Und weil wir da tatsächlich Sachen schreiben – ja, so richtig “Kreatives Schreiben” mit Vorlesen und anschließend kritisieren, also so richtig posh, also echt! Nicht strickpulli-weltverbesserungs-sozialpädagogikimdreißigstensemester-akademisch-kreativschreibend, sondern rotweintrinkenundsichfeschundintelligentvorkommend-akademisch-kreativschreibend – also, weil wir da tatsächlich schon fast vorzeigbare Texte produzieren, wenn wir nicht grade schlau daherreden, kann ich meine Kategorie “Bestenfalls mittelmäßige Schriftstellerei” (nobles, rotweingeschwängertes Understatement, selbstverständlich)  in nächster Zeit hoffentlich mit ein paar wohlklingenden Sätzen füttern.

Was mich zu meinem letzten Thema für heute nacht bringt: Andreas Franz, “Das achte Opfer”. Ein Kriminalroman. Und so dermaßen schlecht, dass ich ihn nach den ersten 30 Seiten in die Ecke geworfen habe. So ein Schund! Der Prolog schon! So dermaßen konstruiert, erzwungen und gestelzt! Völlig unglaubwürdig! Schüchterne 12jährige geht mit 13jähriger Freundin auf eine Party (die regelmäßig so stattfindet), bekommt von den ganzen gutaussehenden, schnieken 20jährigen Alkohol und Drogen, Filmriss (klar, ich würde teure Drogen auch gerade an kleine Kinder verschwenden, die danach heim zu ihren Eltern fahren). Sie hat offenbar mit drei Kerlen geschlafen, was weder sie noch die beste Freundin groß tangiert, kriegt von der 13jährigen noch mehr Koks. Ja, na klar, so läuft das doch immer… Die Älteren auf dieser Party waren offenbar nur darauf aus, kleine Mädchen einzuladen, die sie dann drogenabhängig machen. Klar, fällt sicher niemandem auf. Die beiden Mädels haben anscheinend keine Eltern, wenn doch, ignorieren sie großzügig den Drogenkonsum und dreifache Vergewaltigung oder wasauchimmer ihrer Tochter. Den unglaublichen Dialog ganz zu Beginn möchte ich eigentlich schon gar nicht weiter kommentieren… aber lieber Herr Franz, ich war selber mal 12, und Mädchen reden nicht auf so eine Weise über ihre Periode (“Ich hab den Scheiß schon seit zwei Jahren und komme inzwischen ganz gut damit zurecht.” Wo haben Sie das nur her?! Aus dem Bravo-Fotoroman?). Und ich habe auch noch niemals eine 13jährige erlebt, die so redete als hätte sie die Frankfurter Allgemeine zusammen mit einem Medikamentenbeipackzettel gefrühstückt (“Gib einfach die Hälfte des Inhalts auf den Handrücken, und atme es ein. Die Wirkung ist phänomenal. Ich spreche da aus Erfahrung.”).  Wenn meine 12jährige Schülerin wüsste, was das Wort phänomenal bedeutet, wäre ich ja schon begeistert. Und die Kleine hat ein ziemlich normales Bildungsniveau. Überblende. Zwei Jahre später ist sie heroinabhängig, wurde offenbar entführt, arbeitet im Puff in irgendeiner fremden Stadt. Ihr Bruder kommt, will sie retten, obwohl ihre Eltern sie aufgegeben haben, denn sie sind ja erwiesenermaßen ziemlich gleichgültig. Der Bruder labert dumm rum wird zu recht erschossen. Sie stirbt ein halbes Jahr später. Beginn der eigentlichen Handlung, Komissarin Durant wacht als verkatertes Klischee auf. Ihr ge-sam-ter Morgenablauf wird in jedem Detail beschrieben – entschuldigung, wenn das ein Stilmittel sein soll, ist es voll in die Hose gegangen (“Sie öffnete den Kühlschrank, holte die unangebrochene Tüte Milch heraus, stellte sie auf den Tisch, nahm die Cornflakes vom Regal und eine kleine Schüssel aus dem Hängeschrank. Sie setzte sich, gab Cornflakes und Milch in die Schüssel und streute ein paar Löffel Zucker darüber.”). Sie geht zur Arbeit, ihre Kollegen bei der Mordkomission sind ebenfalls trinkende, von ihren Familien verlassene Klischees, die nicht in der Lage sind, ein “geheimnisvolles” Bibelzitat als solches zu identifizieren und dann zwanghaft als leicht bildungsfern hingestellt werden. Wie Polizisten halt so sind, nicht wahr. Saufen, kein Privatleben, coole Sprüche. (“Das Lamm öffnete das erste der sieben Siegel! Pah, was für ein Blödsinn! Hört sich an, wie irgend so ein Schwachsinn von Shakespeare oder Goethe oder…” “Ein Zitat aus der Bibel”, erwiderte Durant lakonisch. “Ein Zitat aus der Bibel?” fragte Hellmer. “Wie kommst du darauf?” “Mein Vater war Priester.” Und so weiter. Dummes Blabla, überflüssige Sätze, Dialoge, gegen die eine Rede des Papstes – in allen bekannten Sprachen möglichst langsam wiederholt – geradezu vor Spannung birst. Wäre ich Lektor gewesen, ich hätte etwa die Hälfte dieses blöden Geschwafels gestrichen und an den Rest dick “Bitte überarbeiten!” drangeschrieben. Aber der Lektor hat ja schon bei der Kommasetzung versagt.)

Ab da hatte ich dann wirklich keine Lust mehr. Es ist noch nie vorgekommen, dass ich einen Krimi weggelegt habe, weil es mich dermaßen anbrach. Aber statt diesem Mist dann doch lieber “Die schönsten Bahnstrecken Europas” im Fernsehen.

When winter comes and singing ends, when darkness falls at last… I’ll look for thee, and wait for thee, until we meet again…

Mich beschleicht nächtliche Melancholie. Und was liegt da näher als meine zu solchen Zeiten üblichen Gedanken an das Ende des Dritten Zeitalters…? In diesem Moment scheint jedes der Worte Tolkiens ein langer, trauriger Abschied. Jedes meiner Worte in diesem Moment scheint albern, pathetisch und bedeutungslos. Deshalb lasse ich es gleich ganz und beschränke mich auf die Hoffnung, dass es einen oder zwei Leser geben möge, die mich verstehen, weil sie wie ich weinen, da das Horn Helm Hammerhands zum letzten Mal erklingt und auch der Sieg in der letzten Schlacht trotzdem das Ende einer Welt bedeutet.

Beneath the roof of sleeping leaves
the dreams of trees unfold;
When woodland halls are green and cool,
and wind is in the West,
Come back to me! Come back to me,
and say my land is best!

Die wunderbarste Szene in allen drei Filmen zusammen lebt ganz unauffällig mitten im zweiten Teil. Ich weiß nicht einmal, ob sie sonst sehr vielen Leuten jemals aufgefallen ist – irgendwo zwischen den endlosen Diskussionen, wo die Filme anders sind als das Buch und ob das erlaubt ist der nicht. Sie versteckt sich in den ersten eineinhalb Minuten dieses Videos.

When winter comes and singing ends;
when darkness falls at last;
When broken is the barren bough,
and light and labour past;
I’ll look for thee, and wait for thee,
until we meet again:
Together we will take the road
beneath the bitter rain!

Together we will take the road
that leads into the West,
And far away will find a land
where both our hearts may rest.

(from the Ent’s song about the loss of their Wives) – J.R.R. Tolkien

Vollständig hier.

In der Schattendemision der Schreibwerkstatt

Oh weh. Ich habe lange mit mir gehadert, weil mir das Autorenmäuschen ein bisschen leid tut. Ich habe auch lange überlegt, ob ich wirklich die usufernde Arbeit eines konstruktiven Kommentars zu ihrem Werk auf mich nehmen sollte… und dafür am Ende eher online gesteinigt werde, weil ich so destruktiv bin. Oder ob ich der Autorin vielleicht nur kurz empfehle, nur noch zusammen mit anderen zu schreiben, die ein bisschen mehr Ahnung haben. Ich habe mich dann doch dagegen entschieden, die Illusion einer großangelegten Schriftstellerkarriere wird sie wohl kaum hegen, und man kann ja auch nicht alle Leute zwingen, gut zu schreiben. Es wäre zwar schön, wenn man manche Leute zwingen könnte, das Schreiben zu unterlassen… aber dann hätten wir in unserer arrogant-urteilenden Position auch weniger zu lachen, nicht wahr?

Nehmen wir aber mal das Positive: Ich habe mich sehr, sehr köstlich amüsiert. Und, seien wir mal ehrlich, die Geschichte ist so schlecht, dass es schon wieder wirklich lesenswert ist. Ganz objektiv und ohne die Autorin beleidigen zu wollen – es tut mir immer wieder sehr leid für die FF-Gemeinde, aber es gibt nunmal ganz objektive Beurteilungskriterien für Stil, Logik, Spannung, Kohärenz und Rechtschreibung. Aber ich möchte jetzt auch keine großen Worte mehr machen, sondern nur noch sagen: “Das ist richtig, Ivan!” und einen Link für all die präsentieren, die nicht zwingend jemanden verreißen, sondern einfach mal ganz unschuldig über diese unfreiwillige Komik lachen möchten. Es ist ganz großartig, echt!

Kurzgeschichte: Harry Potter oder Adrian Satanus_Darkness

An dieser Stelle sei folgende Seite wärmstens empfohlen: babbling.de – Die Chroniken des Schreckens. Dort werden die lustigsten, dümmsten, unlogischsten, kitschigsten und verschwurbelsten Sätze präsentiert, die verschiedenste User in verschiedensten (leider) online veröffentlichen FanFictions finden konnten. Alles ganz lieb, denn Autoren und Quellen werden nur dezent genannt und nicht weiter kommentiert, so kann auch keiner beleidigt tun. Wobei ich mir ja denke, selbst schuld, wenn du deinen Scheiß für alle Welt zugänglich machst. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Fantasy und Feuchtgebiete

Wohin machen Phrixus und der Phrixusmann als erstes einen Abstecher in einer fremden Stadt? Riiiiichtig, in den Buchladen.

In großen Buchläden meide ich ja inzwischen die Fantasy-Abteilung. Ja, ich will defintiv Fantasy-Autorin werden (und wenn ich bei dem Versuch draufgehe!), es stellt sich also die Frage, wie sinnvoll dieses Handeln ist. Mir egal, ich ertrage es einfach nicht.

Diese wunderbaren Tische und Aufsteller und soweit das Auge blickt Titel wie “Die Elfen”, “Die Nacht der Elfen”, “Die Stunde der Elfen”, “Elfenritter”, “Elfenwinter”, “Elfenlicht”, “Elfenlied” – und da hat der Wahnsinn ja kein Ende: “Die Zwerge”, “Das Schicksal der Zwerge”, “Die Rache der Zwerge”, “Der Krieg der Zwerge” (alle von meinem persönlichen Hassobjekt Markus Heitz hingewurschtelt), und noch mehr. Hier eine weiter, kleine Auswahl: “Die Pferdeherren”, “Die Schlacht der Trolle”, “Die Ork-Trilogie”, “Der Schwur der Orks”, “Der Krieg der Goblins”, “Die Halblinge”, “Die Gefährten der Halblinge” (sic!),  “Die Oger”, “Die Gilde der Schwarzen Magier, Teil 1-3″, “Das Zeitalter der Fünf, Teil 1-3″… Dazu die unzähligen “Chroniken von Dings”, “Zyklen von Bums”, “Die Tralala-Trilogie, Teil 2″, “Die Blabla-Saga, Teil 15″.

Wirklich, wenn ich in die Fantasyabteilung gehe, muss ich echt fast kotzen. So toll die Verfilmung des Herrn der Ringe auch sein mag, wir verdanken ihr einen überbordenden Markt für salonfähig gewordene Fantasyliteratur. Das ist zwar schön, nur leider heißt “salonfähig” wie immer: eine Menge Leute wollen eine Menge schnelles Geld damit machen. Und, sorry, ich glaube einfach nicht, dass all diese Bücher so unglaublich gut, so originell, so wunderbar erzählt, solche Offenbarungen des Fantasy-Genres sein sollen. Das ist schon statistisch ziemlich unglaubwürdig! Und die guten Romane, die echte Literatur, die geht unter zwischen dem ganzen Fließband-Auftrags-Klischee-Standard-Gewäsch. Ja auch Fantasy kann “echte” Literatur sein, allerdings nicht das, womit uns die Verlage momentan beschmeißen. Man kann nirgends hingreifen, ohne “Band 5 des Zyklus von Murks” in der Hand zu haben. Was keine geplanten Fortsetzungen hat, kann ja nicht gut sein. Und wenn kein aus dem Herrn der Ringe bekanntes oder sonstwie emotionsgeladenens Schlagwort im Titel vorkommt, warum – meine Güte – warum sollte man es dann kaufen?

Ehrlich, wenn ich jemals mein Buch schreibe und im Titel kommen an einer beliebigen Stelle Wörter wie Elfen, Schwert, Krieg, Licht, Lied, Zwerge, Orks, Halblinge, Schwur, Magier, Zyklus, Chronik, Saga oder – Gott bewahre! – Gefährten vor, dann bitte ich hiermit im Voraus darum, erschlagen zu werden.

Im betreffenden Buchladen gab es aber auch eine sehr angenehme Einrichtung, nämlich jede Menge bequeme gepolsterte Sitze, Bänke und sogar anatomisch geschwungene Liegen. Alles lädt zum Verweilen und Probelesen ein – und das kann sich auch als fataler Fehler herausstellen. Denn das Buch, das mir in die Hände fiel, war das wohl viel zu ausschweifend besprochene “Feuchtgebiete” von Charlotte Roche. Ich habe fast das ganze erste Kapitel gelesen. Und nein, ich werde zum Inhalt einfach nichts weiter sagen… nein. Neinneinnein. Gibt schon genug Geschwurbel darum. ABER BITTE: “Keine billige Provokation”?! Die Roche hat doch kindisch kichernd vor ihrem Schreibgerät gesessen, darauf verwette ich aber mal meine Muschi. Und diesen wunderbar “ehrlichen” Stil findet man vorwiegend bei Fünfzehnjährigen, da springt einem die billige Provokation doch mit dem nackten Arsch ins Gesicht. Blablabla, “Gleichberechtigung von Frauen”… klar. Ich glaube, es war noch nie ein Fall für den Feminismus, dass Frauen jetzt endlich auch geschmacklose “Skandal”-Bücher schreiben. Das können Frauen schon seit einer ganzen Weile, genauso gut oder schlecht wie Männer. Egal, was man von “Feuchtgebiete” halten mag, es ist mit Sicherheit kein Beitrag zur Emanzipation der Frau, sondern einfach nur ein schlechtes Buch. Punkt. Irgendwer hat mal gesagt, dass Gleichberechtigung wäre, wenn Frauen einen Job genauso schlecht machen dürfen wie Männer, oder so ähnlich. Tja, in dem Fall ist das Buch ein totaler Reinfall für die Gleichberechtigung. Denn ein mieses Buch als “mutige” Offenbarung des Feminismus hochzujubeln, nur weil es eine Frau geschrieben hat, und weil es folglich nicht geschmacklos sein kann, sondern feministisch und mutig sein muss – das entlockt mir doch nur eine höhnisch hochgezogene Augenbraue. Naja, und das erste Kapitel bewirkte eine diffuse Übelkeit, über die sich Charlotte Roche gerne diebisch freuen darf, denn ich bin überzeugt, nur das hat sie beabsichtigt.

Also, man das Buch lesen oder nicht, und ich gönne Frau Roche auf alle Fälle den Spaß, den sie sicherlich beim schreiben hatte. Wem es gefällt, bitte. Trotzdem habe ich beschlossen, dass ich leider Charlotte Roche umbringen muss. Nicht für den Inhalt, dies ist schließlich ein freies Land. Nein, es liegt allein an folgendem Satz: “Alles nur das Ladyshaven schuld.” Wer der deutschen Sprache das antut (Roche ist mit dieser Phrase ja nicht allein, man hört sie tagtäglich bei Oliver Geißen, Richterin Barbara Salesch und ähnlich dümmlichen Sendungen. Tja, Frau Roche.), für den sollte man das öffentliche Auspeitschen wieder einführen.

Nach all dem Gemotze meinerseits werde ich mich besser zu “Fucking Berlin” von Sonia Rossi gar nicht mehr äußern. Hab ich ja auch nicht wirklich gelesen. Aber ich werde das Thema “Ist Prostitution vielleicht doch toll?” mal beim nächsten Marburg-Gießener Blümchensex-Stammtisch ansprechen, gleich nach Top 1: “Bei Kerzenlicht und Kuschelrock oder doch gleich ganz Licht aus?”

Hauptsache gesund, sach ich immer…?

Tja, und wie das so ist, wenn man eigentlich wirklich wichtige Arbeit erledigen sollte, wie zum Beispiel zweieinhalb Hauptseminararbeiten zu schreiben, finden sich plötzlich hundert spannendere Dinge. Bei mir zumindest. Jedenfalls habe ich in den letzten zwei Wochen statt ordentlich zu lernen und zu arbeiten endlich einige spannende Filme gesehen und endlich mal wieder ein paar Bücher gelesen.

Zum Beispiel: “Lebenslust – Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult” von Manfred Lütz. Der hat unter anderem auch “Gott. Eine kleine Geschichte des Größten” geschrieben, das auf die Liste der noch zu lesenden Bücher kommt. Der Mann ist Psychiater, Psychotherapeut und Chefarzt – und er ist katholischer Theologe und zum Beispiel Berater der Vatikanischen Kleruskongregation. Das sind so Dinge, die man wissen sollte, wenn man ein Buch von ihm in die Hand nimmt und es tatsächlich auch unbeschadet lesen möchte. Man merkt es nämlich durch die Bank weg und manche Leute haben ja in letzter Zeit ein völlig undifferenziertes Problem mit christlicher Religion. Mir persönlich macht das jetzt nichts aus, der Mann schwadroniert da eben teils humorvoll seine persönlichen Ansichten herum. Ich halte das für völlig legitim, immerhin handelt es sich bei Lütz nicht um einen weiteren Verkünder irgendeiner Wahrheit, über den dann Amazon-Rezensenten sich gegenseitig zerreissen, nach dem Motto “Wenn Sie das wirklich denken, dann haben sie das Buch und seine Botschaft nur nicht verstanden! Lesen Sie es nochmal und Sie werden meiner Meinung sein!” Blärgh, Schwachsinn!

Jedenfalls macht Lütz deutlich genug, dass er eben eine Meinung hat und darüber schreibt und dabei keinen Anspruch auf alleinseligmachende Lösungen und letzte Wahrheiten hat. Natürlich ist er von seinen Ansichten überzeugt und relativiert nicht ständig rum, angenehm und locker lesen lässt sich seine Abhandlung über den Glauben an die Gesundheit als neue Religion aber auf jeden Fall. Kurz zusammengefasst, er findet das ganze Gehudel um Gesundheit als unbedingt zu erreichendes und zu erhaltendes Heil völlig fehlgeleitet, zeigt ziemlich überzeugend Parallelen zur Religion auf und erklärt, warum das fatal ist. Natürlich argumentiert er ausschließlich vom christlich-katholischen Standpunkt, ist aber auch sein gutes Recht als Theologe. Als Alternative schwebt ihm natürlich auch in erster Linie das Christentum vor, er stellt es aber nicht als einzige oder “bessere” Alternative hin als andere Religionen oder Atheismus – eine gedankenvolle und tolerante Beschäftigung mit dem persönlichen Glauben immer vorausgesetzt. Ich war ganz dankbar, dass er fundiert und konsequent die christliche Perspektive aufzeigt, denn immerhin redet er dabei über Themen, von denen er wirklich Ahnung hat und faselt nicht esoterisch in der Gegend rum.

Ich fand das Buch interessant und bis auf wenige Kleinigkeiten auch gut durchdacht. Meinungen lese ich sehr gerne, nur mit Wahrheiten hab ich so ein Problem. Lütz ist aber, was das angeht, einer der angenehmeren Autoren.

Demnächst: Ein kurzes Statement zu “Die Nacht des Falken” von David Gemmell, selbiges zum ersten Kapitel von “Feuchtgebiete” von der Charlotte, sowie ein Update der Liste Ungelesener Bücher.