Alternativen zum Selbstmord 05/10: “Ich muss noch abnehmen!”

Die Grufti-Kolumne IV

Liebe Liebenden,

um erstmal auf mehrere Nachfragen zu antworten: Ja, Geek Girl Weeks ist noch! Wer also etwas dazu beisteuert will, sei weiterhin herzlichst eingeladen. Wer nur passiv auf Beglückung warten möchte, der muss sich wohl noch eine kleine Weile gedulden, denn zuallererst steigt eines der jährlichen Highlights im Leben eurer untertänigsten Autorin:

Das WAVE GOTIK TREFFEN 2010

Was hat nun diese exquisite Veranstaltung dunkler Schönheit mit der Überschrift der diesmonatigen Ausgabe zu tun?

Tja. Das war bzw. ist die interessante Überschrift des eine zeitlang aktivsten Threads in einem einschlägigen Forum, nämlich der meinVZ/studiVZ-Gruppe ‘Wave Gotik Treffen’: “entspurt… weg mit den kilos bis zum WGT” (sic).

Ja, die Schwarze Szene ist sehr auf Äußerlichkeiten bedacht. Wie extrem, das ändert sich danach, welche Subkulturen man als der “Schwarzen Szene” zugehörig betrachtet. Ich behaupte mal, für das Thema WGT kann man Metaller außen vor lassen – die haben mit Wacken ihr eigenes Süppchen, wo angeblich die meisten Frauen “schäbig” aussehen. Wurde mir allerdings von nicht-objektiven Quellen zugetragen. Und der Rest der Schwarzen Szene… ja, da sehen die meisten schon scharf aus, Männlein wie Weiblein wie weitere Geschlechter, und wer nicht scharf aussieht, der würde gerne.

Aber mal ehrlich, wenige Wochen vor dem WGT noch Diät machen?! Sich nochmal schön drei bis fünf Kilo runterhungern, damit man über Pfingsten “schön” ist?

Leute. Ich will das eigentlich gar nicht großartig kommentieren, so bescheuert finde ich das. Auch ich hab mich gefragt, ob ich noch abnehmen soll. Und dann habe ich mal meine Sachen anprobiert. Mich fast selbst geohrfeigt. Und beschlossen, die passen noch fast alle. Und wenn ich mir auf dem WGT was neues kaufen sollte, dann doch bitte mit meinem Normalgewicht, es bringt mir nämlich nichts, Geld rauszuschmeißen für etwas, das mir an vier Tagen im Jahr mal gepasst hat. Und, liebes schwarzes Volk, wenn die Sachen von letztem Jahr nicht mehr passen, dann sollte man entweder neue kaufen oder seinen Lebensstil und Ernährungsplan überdenken, statt sich für Äußerlichkeiten und Ähnliches die Gesundheit zu ruinieren, indem man sich jedes Jahr überstürzt eine Bikinifigur, oder in diesem Falle eine WGT-Figur anhungert. Wer regelmäßig, immer wieder, Diäten macht, ist nicht zu fett sondern hat ein anderes Problem.

Und, meine Lieben, wofür?

Dafür, dass ihr vier Tage lang “schön” seid.

Trugschluss eins: “Dünn” und “schön” sind keine austauschbaren Begriffe. Wenn ihr dermaßen auf die Medienmaschinerie reinfallt, verdient ihr nicht, ein Hirn euer eigen zu nennen. Wenn ihr dermaßen auf gesellschaftlichen Druck reinfallt,  verdient ihr eigentlich noch nicht mal, euch Gruftis zu nennen. Waren wir nicht irgendwann mal nonkonformistisch?

Trugschluss zwei: Ihr seid dort einer von etwa 20.000 Goths. Glaubt ihr, ihr fallt dank einiger Kilos weniger dort mehr auf? Seid schöner als all die anderen Schönen? Ich bitte euch. Ich hab die Schnauze voll, ihr piensigen Weiber. Bleibt doch daheim und heult euch die Mascara runter, wenn ihr mit euren Körpern nicht umgehen könnt. Oder kauft halt Klamotten, die gut an euch aussehen.

Vanitas. Leider eine der hässlichsten Todsünden, wenn man sich die Mühe macht, wirklich hinzusehen. So, off my soapbox again.

Wir sehen uns auf dem WGT. Bis dahin die eure,

Phrixus, star-crossed

Es ist schwer, wenn man im Frühling stirbt, du weißt… (Alternativen zum Selbstmord 04/10)

Grufti-Kolumne III: Ich will Gesang, will Spiel und Tanz

Es ist seltsam, wenn man sich plötzlich darüber klar wird, dass man das ganze Leben lang schon ein großer Fan von Jaques Brel war. Merket auf, ich spreche kein Wort Französisch. Dennoch kenne ich den ungefähren Inhalt seiner Lieder, denn meine Mutter hat nicht nur Tag und Nacht Jaques Brel gehört als ich klein war, sondern auch selbst gesungen, entweder die Originale oder die deutschen Interpretationen von Klaus Hoffmann. Es mag anders geschienen haben, aber ich habe ziemlich andächtig zugehört als kleines Kind.  Später habe ich mich oft, wenn sie in ihrem Arbeitszimmer sang und spielte, nah an die Tür geschlichen, oder meine eigene Zimmertür ganz weit aufgelassen, um sie zu hören, um später die Texte auf dem Notenständer durchzublättern und auswendig zu lernen. Ich glaube, das weiß meine Mutter alles gar nicht – aber ich liebe diese Lieder. Zu “Junge Paare auf den Bänken” habe ich Bilder in meinem Kopf gemalt, noch bevor ich wusste, was junge Paare sind, zu “Dans le port d’Amsterdam” habe ich mir die wirrsten Kindergedanken gemacht.

Das alles fiel mir wieder ein, als ich auf der Suche nach einem völlig anderen Stück über “Adieu Emile” stolperte. Ich dachte mir, “das kennst du doch!” und merkte beim Hören, dass es in mir noch immer ein Gefühl tiefster Geborgenheit auslöst. Makaber, auf gewisse Art und Weise. Dieses zugleich freche und wehmütige Lied über den Tod gehört wie einige andere zu den glücklichsten Momenten meiner Kindheit. Vielleicht hat das ein kleines bisschen dazu beigetragen, dass ich mich so wohl fühle in der Schwarzen Szene. Und obwohl es mir im Moment ganz schwer ums Herz wird, wenn ich ans Sterben im Frühling denke, kann ich mich doch auf diese Weise an die Zeit als Kind erinnern, wo man noch fest glaubt, dass alles immer genau so bleiben wird.

Und da ich nun herausfand, dass ich ein schnuckliges Gruftimädchen bin, das Chansons liebt, dachte ich mir, es würde ein schönes Thema für diese kleine Kolumne abgeben. Vielleicht gibt es ja unter meinen Lesern den einen oder die andere, welche dieses schwermütige Liedgut ebenfalls verehren? Oder Gruftis und andere Leute, die andere makabere und seltsame Kindheitsschätze haben? Grabt sie aus und teilt sie mir mit! Ich freue mich über eure Kommentare!

Bis dahin mein süßestes Kindheitslied (nach allem von Angelo Branduardi, aber davon lieber ein andermal!):

Klaus Hoffmann – Adieu Emile

Adieu Émile
(Musik: Jacques Brel; dt. Text: Hans Riedel; Interpret: Klaus Hoffmann)

Adieu Émile ich liebte Dich
Adieu Émile ich liebte dich Du weißt
wir saßen bei dem selben Wein
wir saßen bei denselben Mädchen
wir sangen mit der gleichen Pein

Adieu Émile ich sterbe nun
es ist schwer wenn man im Frühling stirbt du weißt
ich geh mit Frieden in der Seele
weil du so rein wie weißes Brot
weiß ich mein Weib hat keine Not

Ich will Gesang will Spiel und Tanz
will daß man sich wie toll vergnügt
Ich will Gesang will Spiel und Tanz
wenn man mich untern Rasen pflügt

Adieu Curie ich liebte Dich
Adieu Curie ich liebte Dich Du weißt
wir waren nicht vom gleichen Ort
wir hatten nicht den selben Weg
wir suchten nur den gleichen Port

Adieu Curie ich sterbe nun
es ist schwer wenn man im Frühling stirbt du weißt
ich geh mit Frieden in der Seele
ich weiß man Weib hat keine Not
ihr wart vertraut vor meinem Tod

Ich will Gesang will Spiel und Tanz
will daß man sich wie toll vergnügt
Ich will Gesang will Spiel und Tanz
wenn man mich untern Rasen pflügt

Adieu Antoine ich lieb dich nicht
Adieu Antoine ich lieb dich nicht du weißt
es bringt mich nun zum Sterben heut
denn du lebst weiter und nicht schlecht mein Freund
weil dich mein Tod doch sicher freut

Adieu Antoine ich sterbe nun
es ist schwer wenn man im Frühling stirbt du weißt
ich geh mit Frieden in der Seele
weil du ihr Hausfreund warst du Schlot
weiß ich mein Weib hat keine Not

Ich will Gesang will Spiel und Tanz
will daß man sich wie toll vergnügt
Ich will Gesang will Spiel und Tanz
wenn man mich untern Rasen pflügt

Adieu mein Weib ich liebte dich
Adieu mein Weib ich liebte dich Du weißt
ich nehm den Zug zum lieben Gott
den Zug der noch vor deinem geht
man nimmt grad den der eben kommt

Adieu mein Weib ich sterbe nun
es ist schwer wenn man im Frühling stirbt du weißt
ich drück die Augen fester zu
dann weiß ich du liest Messen
meiner Seelen Ruh

Ich will Gesang will Spiel und Tanz
will daß man sich wie toll vergnügt
Ich will Gesang will Spiel und Tanz
wenn man mich untern Rasen pflügt

In diesem Sinne die Eure,

Phrixus, star-crossed

Alternativen zum Selbstmord 02/10: “Body Modification”

Die Grufti-Kolumne II: Steil in den Abgrund?

Diese Anekdote nur als lustiges kleines Nebenbei und damit hier endlich wieder mehr passiert – und lustig, weil ich es so bestimme:

Ein (damit völlig zusammenhangloser) Artikel dieses meines schönen Blogimperiums wurde in einem Eunuchen-Forum verlinkt. Wenn ich mich da durch heftigstes Blättern und Wikipedien richtig informiert habe, gehört das zur Body Modification Scene. Den Rest überlasse ich eurer Vorstellungskraft. Der Thread im Forum hat damit aber auch gar nix zu tun, es ist einfach ein völlig normales Forengespräch über Gott und die Welt… nur eben zwischen Leuten, durch die ich jetzt die ganze Zeit einen Link zum Forum des Eunuch Archive in meiner Statistik finde.

Was mich jedesmal aufs Neue amüsiert, denn zusammen mit der Tatsache, dass sich dank eines lang verjährten Artikels und anschließender Recherche für Ceptor auch immer wieder Leute hier eingoogeln, die nach scharfen Weibern mit amputierten Gliedmaßen und anderen Formen des Amelotatismus suchen, rückt das doch einen Teil meines geistigen Imperiums durch eine Reihe absurder Zufälle in eine Ecke des weltweiten Netzes, die ich von allein niemals gefunden hätte. So führt und das Internet am Ende uns alle zusammen wie eine große Familie, inklusive der netten Cousins, Onkel und Tanten, die einem ein kleines bisschen zu seltsam erscheinen und bei denen man ganz froh ist, dass man sie nur einmal im Jahr sieht und sonst nicht viel von ihnen weiß.

Ich wusste ja schon einiges über Body Modification, und auch wenn ich persönlich den extremen Formen –  Amputation oder Sachen durchschneiden – nichts abgewinnen kann, findet man doch gerade die “Standard-Modifikationen” in der Schwarzen Szene sehr häufig, gut sichtbar dann spätestens auf der nächsten Fetisch-Party. (Um Kommentaren und Einladungen in dieser Hinsicht zuvor zu kommen: Ja, ich weiß, es gibt sicher krassere Parties als die Obsession Bizarr. Aber ich absolviere eben nur das Pflichtprogramm. Ende.  Dazu eine persönliche Bitte: Tragt mehr Latex. Ich sehe nicht gern nackte Menschen. Wirklich. Wir sind vielleicht alle wunderschöne Kinder des Großen Watumba, aber ich will euch trotzdem nicht nackt sehen. Ihr seht aus wie Hippies an Leinen.)

Ich erfahre also immer mehr über diese und andere Spielarten des menschlichen Daseins, als ich ohne dieses Blog und seine Leser jemals herausgefunden hätte. Es geht steil in den Abgrund mit Phrixus, aber da fühlen wir schwarze Seelen uns ja bekanntlich ganz wohl, nicht wahr.

Everything, alas, is an abyss.

In diesem Sinne die eure,

Phrixus, star-crossed.

Alternativen zum Selbstmord 12/09: “Weihnachtsstress”

Die Grufti-Kolumne I

Eigentlich sollte dies erst der zweite Beitrag zu meiner nagelneuen Kolumne “Everything, alas, is an abyss – Alternativen zum Selbstmord” werden – meine ganz eigene Gothic-Kolumne, einmal im Monat. Ein kleiner, gotischer Ausblich auf das ganz normale Leben. Der erste Beitrag hätte eigentlich eventuell ein bisschen erklären sollen, warum mir ausgerechnet dieser Titel eingefallen ist, was der Zweck dieser Kolumne sein soll und so weiter. Aber da nun schon das Fest der Liebe so nahe herangerückt ist, gibt es doch zuerst den Weihnachtseintrag. Vielleicht klärt sich ja dabei schon irgendwie von selbst, was der hochtrabende Titel “Alternativen zum Selbstmord” so alles beinhaltet oder auch nicht.

Was ich zum Thema “Weihnachtsstress” gerne loswerden möchte, ist folgendes. Ich kenne Weihnachststress in der Form, dass man nachts wachliegt und sich fragt, wo das ganze Geld hin ist, warum man für so viele Menschen unbedingt so viele Geschenke kaufen musste und was, zur Hölle, man jetzt den Rest des Monats essen soll.

Alles andere, verehrtes Publikum, ist pure Einbildung. Eine Erfindung. Und eine Erfindung von wem?  - Von blöden, unemanzipierten Hausfrauen und Müttern, die offenbar einmal im Jahr eine Entschuldigung brauchen um scheiße zu aller Welt zu sein und unschuldige Passanten anzupampen, weil sie ja den Rest des Jahres immer schön still alles dulden – aber jetzt, zum Fest der Liebe, das ist Stress, meine Lieben! Da wollen alle versorgt sein, da liegen die Nerven blank, wenn man noch Samstag abends eine Krawatte für den lieben Mann und eine Playstation fürs Arschlochkind braucht! Da kann man doch mal Verständnis und Rücksichtnahme erwarten! Und das bitte vorausschauend, nachträglich wird hier nichts mehr angenommen, schließlich hat man wieder ein ganzes Jahr die widerwärtige Familie ertragen, da müsste doch bitte alle Welt sehen, dass jetzt, GERADE JETZT, das Maß voll ist und man eben UNTER WEIHNACHTSSTRESS STEHT!!!

Ich muss ja sagen, mir ist Weihnachtsstress an sich ziemlich fremd. Ich mache mir mein eigenes Tempo und sehe nicht ein, weshalb ich mich über diese Horden von Menschen ärgern oder mich sonstwie unter Druck setzen lassen sollte. Aber manchmal… manchmal fragt man sich, ob diese eine bestimmte, besonders unangenehme Person nicht gerade auf einen gewartet hat. Ihr Leben lang. Vielleicht ist ihr Kind – ein widerspenstiger Teenager -  ein Gruftie und deshalb trägt sie einen unbestimmten Hass mit sich herum auf alles, was schwarz trägt. Vielleicht hat es damit auch gar nichts zu tun und sie hat nur auf irgendwen gewartet. Die Mutter. Die Weihnachteinkaufsstressmutter.

“VORSICHT!” herrscht es von hinten, als ich gerade einen vorsichtigen Schritt rückwärts mache in der engen Weihnachtssüßigkeitenabteilung, fasziniert von 345 Sorten Marzipan. Ich drehe mich um. Sehe eine Frau um die vierzig. Lächle. ‘Ich nehme deine Existenz zur Kenntnis und bemühe mich, nicht im Weg zu stehen’, sagt mein Lächeln. Und ich stehe nicht im Weg. Der kleine Durchgang hinter mir bleibt frei und ich will mich wieder zum Marzipan wenden. Die Frau lächelt kurz. So lächelt sie vielleicht, säuerlich, wenn ihr gerade auspubertierender Sohn sie mal wieder ‘Schlampe’ genannt hat – wie in ‘Halts Maul, Schlampe!’ –  und sich fluchend zu seiner Freundin verzieht. Vielleicht sind aber ihre Kinder auch ganz lieb und ihr ist eine Arbeitskollegin auf die Nerven gegangen, weil sie schon wieder früher gegangen ist, wegen Migräne, wie sie sagt, aber in Wirklichkeit, um ihren neuen Freund zu treffen – und jeder weiß es, aber davon macht sich die Arbeit nicht selbst. Wie es auch immer sein mag, woran es auch liegt, jetzt bricht es aus ihr heraus: “Wolln’se jetzt hier lang oder da stehen bleiben oder was?!?!”, schreit sie.

“Ich möchte hier stehen bleiben”, sage ich. Ich stehe ja auch einfach nur da und bewundere die 345 Sorten Marzipan. Sie stapft weiter, um die Marzipanturm herum, den Weg entlang, den ich weder blockierte noch ihr in irgendeiner anderen Weise streitig machte. Eine reinhauen, das hätte ich gewollt. Und erst nach zwei oder drei Stunden kommt wieder irgendein Gedanke an die so gelobte ‘Besinnlichkeit’ auf. In der Zwischenzeit hatte ich hatte Atemnot wegen dieser furchtbaren Frau, hatte tatsächlich Weihnachtsstress – das erste und glücklicherweise bisher einzige Mal. Und das  nur, wegen jemandem, der mit Weihnachten offenbar größere Probleme hat als ich. Seitdem nicht mehr, auch nicht in den adventlichen Menschenmassen, in die ich mich die nächsten Tage noch ein paar Mal stürzen werde. Einfach nur so – ich hab ja schon alle Geschenke – nur so, damit auch mal jemand ohne Eile durch die Kaufhausgänge geht.